Liebe Schülerinnen und Schüler
Liebe Lehrerinnen und Lehrer

 

Als ich erfuhr, dass mein Buch «Agnes» Sternchenthema in Baden-Württemberg werden würde, habe ich mich nicht nur gefreut, weil dadurch viele Bücher verkauft werden, sondern auch, weil ich mir – wie wohl jede Autorin und jeder Autor – vor allem Leser wünsche. Zwar denke ich beim Schreiben nicht an die Leser, aber gäbe es sie nicht, ich glaube nicht, dass ich schreiben würde.

 

Pflichtlektüre

Bei einigen Lesungen in letzter Zeit wurde ich gefragt, was ich davon hielte, dass hunderttausend Schülerinnen und Schüler gezwungen würden, mein Buch zu lesen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, man sollte nur Bücher lesen, an denen man Freude hat, die einen herausfordern oder weiterbringen. Andererseits befürworte ich die Existenz von Schulen im Allgemeinen und des Deutschunterrichts im Speziellen. Und wenn in einer Klasse überhaupt über Literatur geredet werden soll, dann müssen eben alle dasselbe Buch gelesen haben. Also führt wohl kein Weg an Pflichtlektüren vorbei. Und wenn Ihnen von all den Büchern, die Sie in der Schule lesen müssen, nur eines ans Herz wächst, so haben sie schon gewonnen. Ich kann nur hoffen, dass möglichst wenige Schülerinnen und Schüler die Lektüre von «Agnes» als einen Zwang empfinden. Jene die es tun, seien damit getröstet, dass «Agnes» mit ungefähr 150 Seiten doch wenigstens ein verhältnismässig kurzes Buch ist.

 

Schullesungen

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben mich in letzter Zeit angefragt, ob ich eine Lesung an ihrer Schule machen könnte. Ich lese oft und gerne an Schulen, aber für eine einzelne Veranstaltung ist der Zeitaufwand mit der Anreise aus der Schweiz einfach zu gross. Deshalb bin ich zusammen mit dem Kultusministerium von Baden-Württemberg, dem Literaturarchiv Marbach und dem Schweizerischen Generalkonsul in Stuttgart dabei, Schullesereisen mit mehreren Stationen zu organisieren. Das Kultusministerium wird alle Schulleitungen informieren und die Reisen zusammenstellen. Sie dürfen sich aber nicht wundern, wenn Sie von dieser oder jener Schule hören, ich hätte dort eine Lesung gemacht. Durch verschiedene Kontakte zu Lehrerinnen und Lehrern kommen manchmal auch Veranstaltungen ausserhalb der offiziellen Lesereisen zu Stande. Und manchmal lässt sich eine Abendlesung in einer Stadt mit einem Schulbesuch verbinden.

 

Schülerfragen

Ich habe in der Vergangenheit immer wieder Mails von Schülerinnen und Schülern bekommen, in denen mir Fragen zu meinen Büchern gestellt wurden. Ich habe diese Mails wenn immer möglich beantwortet. Da in Zukunft so viele Klassen «Agnes» lesen werden, werde ich leider keine individuellen Fragen mehr beantworten können. Ich müsste ansonsten mein Schreiben zu sehr vernachlässigen, was ich nicht will und was ich mir auch nicht leisten kann. Als kleinen Ersatz habe ich auf diesen Seiten etwas Material zusammengestellt, das vielleicht hilfreich sein könnte für die Arbeit am Buch. Dabei geht es vor allem um die Entstehung von «Agnes». Aber Sie finden auch Ausschnitte aus einem Interview, das Olga Kasaty vor vier Jahren mit mir geführt hat, die Cover der ausländischen Agnes-Ausgaben, einige Kritiken und einen Videostream des Literaturclubs des Schweizerischen Fernsehens, in dem das Buch kurz nach seinem Erscheinen besprochen wurde. Wer sich darüberhinaus für meine Arbeit interessiert, findet auf meiner Homepage eine Kurzbiographie, einige Bilder, journalistische und satirische Texte und eine Liste meiner Lesungen (allerdings ohne die Schullesungen, die ja in der Regel nicht öffentlich sind). Wer danach immer noch nicht genug hat, kann mich unter www.facebook.com/autorstamm «liken». Ich bin auf der Seite allerdings nicht sehr aktiv.

 

Interpretation

Zur Interpretation von «Agnes» kann und will ich mich nicht äussern. Sie ist nicht Aufgabe des Autors. Es gibt inzwischen in verschiedenen Verlagen Interpretationshilfen. Im Übrigen möchte ich auf das Buch selbst verweisen. Ich denke, das beste Verständnis liefert eine genaue und unvoreingenommene Lektüre des Textes. Er bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, keine davon ist richtig, falsch sind allenfalls jene, die an den Haaren herbeigezogen oder schlecht begründet sind oder die für sich in Anspruch nehmen, die einzig richtige zu sein. Es gibt für das Buch keine Lösung wie für ein Kreuzworträtsel. Nicht einmal die Frage, ob Agnes am Ende des Buches tot ist oder lebt, lässt sich eindeutig beantworten. Weder von mir noch von Ihnen. Das soll Sie nicht daran hindern, darüber nachzudenken.

In jeder Interpretation steckt viel vom Interpretierenden. Es liegt auf der Hand, dass Männer ein Buch anders lesen als Frauen, sechzehnjährige anders als sechzigjährige. Schön wäre es, wenn diese unterschiedlichen Lesarten zu konstruktiven Diskussionen führen, die weit über die Geschichte von «Agnes» hinausführen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine schöne Lektüre und anregende Diskussionen.

 

Winterthur, Februar 2012

 

Peter Stamm

 

 

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