Marcia aus Vermont

Eine Weihnachtserzählung, 2019, S. Fischer Verlag Frankfurt

 

(...)
Ich kann mich nicht mehr an Marcias Haar- oder Augenfarbe erinnern, weiß nicht mehr, ob sie groß oder klein war, schlank oder füllig. Trotzdem habe ich das Gefühl, ich würde sie erkennen, wenn sie mir noch einmal auf der Straße begegnete. Sie hatte eine Selbstsicherheit und Unverblümtheit, die mich beeindruckte und zu ihr hinzog.
Wir lagen zusammen im Bett. Die Decke war nur dünn, und ich drängte mich eng an sie, weniger aus dem Bedürfnis, ihr nah zu sein als um nicht zu frieren. „Ich mache das sonst nicht“, sagte sie und fing plötzlich an zu lachen. „Dir ist das vollkommen egal, was? Aber ich mache das sonst wirklich nicht. Weihnachten ist der traurigste Tag des Jahres, und ich bin gerade etwas knapp bei Kasse und wollte nicht auch noch hungrig ins Bett gehen.“
Der Whisky hatte sie gesprächig gemacht und ein bisschen sentimental. Sie erzählte mir von ihrer Familie in Vermont, die sie seit Jahren nicht gesehen hatte, von ihrem Bruder, ihrem kleinen behinderten Bruder, wie sie ihn nannte.
„Das meinst du jetzt nicht im Ernst“, sagte ich. „Das klingt wie eine dieser schrecklichen Weihnachtsgeschichten. Du schläfst mit mir, um Geld für seine Medikamente zu verdienen. Und am Schluss sitzen wir alle zusammen, du und ich, deine Eltern und dein kleiner behinderter Bruder um einen ärmlichen Weihnachtsbaum und singen Stille Nacht.“
„Mein kleiner behinderter Bruder ist schon lange tot“, sagte sie, „und mein Vater ist reich, und ich habe nicht die Absicht, dich ihm vorzustellen.“
Wir schwiegen eine Weile. „Heißt du wirklich Marcia?“, fragte ich. „Ich dachte, so heißen nur Leute im Fernsehen.“
„Warum nicht?“, sagte sie. Wieder sagten wir nichts, dann fragte Marcia, was meine seltsamsten Weihnachten gewesen seien. Ich ahnte, dass sie schon viele seltsame Weihnachtserlebnisse gehabt hatte und mir die Frage nur stellte, um davon zu erzählen. „Marcia aus Vermont“, sagte ich. „Vielleicht bist du mein seltsamstes Weihnachtsgeschenk.“
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