Der Kuss des Kohaku

(nach dem gleichnamigen Theaterstück)

 

Stimmen:
Maja Schöne
Sylvester Groth
Klaus Brömmelmeier
Paula Dombrowski
Regie: Peter Stamm

Südwest Rundfunk Baden-Baden, 2005

• Hörbeispiel folgt

(…)

Michael: Dieses Haus, das haben meine Grosseltern gebaut. Die sind tot. Dann haben meine Eltern darin gewohnt, die sind auch tot. Und wenn wir tot sind, dann wohnen vielleicht unsere Kind darin. Das Haus ist immer dasselbe geblieben. Es verändert sich nicht.

Monika: Wenn ich ein Kind habe … ich weiss nicht, wo das wohnen wird. Ich weiss ja noch nicht einmal, wo ich wohnen werde.

Michael: Es ist doch verrückt. Man weiss so viel. Über Beziehungen, über sich selbst, die ganze Psychologie. Jedes Problem … über jedes Problem können sie reden. Aber das ist keine Lösung. Es hilft nichts zu reden. Der Wille ist stärker als der Verstand. Also die Gefühle. Da hilft dir die ganze Psychologie nichts. Wir sind eben auch nur Tiere.

Monika: Was man sich wünscht.

Michael: So ist es doch. Wenn du etwas willst, was hilft es dir, wenn du weisst, es ist nicht gut oder anständig oder vernünftig. Hast du das nicht?

Monika: Dass ich mir etwas wünsche?

Michael: Was nicht vernünftig ist.

Monika: Das kommt vor. Klar.

Michael: Zum Beispiel?

Monika: Ich weiss nicht. - Den Fisch anfassen.

Michael: Dieser Fisch. Ich liebe ihn, weil er mir gehört. Das hat man doch früher gesagt. Ich gehöre dir. Aber heute … als sei es etwas Schreckliches, einem Menschen zu gehören.

Monika: Meinst du Sandra?

Michael: Ich meine … Wir sind ein Paar. Aber sie würde nie einem Mann gehören. Sie ist «unabhängig».

Monika: Sie ist nett. Und hübsch.

Michael: Ich glaube, du kannst einem Mann gehören. Ganz gehören. Du bist noch so jung.
Monika: Das wäre schön. Aber Günter will das nicht.

Michael: Weisst du warum? Jemanden besitzen, das heisst, die Verantwortung für ihn tragen. Günter kann das nicht. Verantwortung tragen.

Monika: Er kann sich nicht entscheiden.

Michael: Wenn ich besitzen sage, dann meine ich das wirklich so. Besitzen. Und dafür bezahlen.

Monika: Geld?

Michael: Ja.

Monika: (lacht) Das klingt verrückt.

Michael: Ich möchte dir das Haus zeigen. Gerade jetzt, in diesem Moment. Egal, was …

Monika: Ich würde es gerne sehen.

Michael: Das ist nur so ein Gefühl. Das ist nicht vernünftig. Ich bin fünfundvierzig, doppelt so alt wie du. Wir zwei in diesem leeren Haus …

Monika: Man kann nicht immer vernünftig sein.

Michael: Willst du wirklich wissen, was ich mir vorgestellt habe? Also oben liegt eine Matratze. Wenn du mich fragen würdest. Was will ich. Nicht, was denke ich. Mein Gefühl.

Monika: Ja?

Michael: Was nicht vernünftig ist oder moralisch. Einfach …

Monika: Ja.

Michael: Meine Fantasie. Das sehe ich vor meinem geistigen Auge. Eine Matratze in einem leeren Raum. Und wir zwei … Das sind so Fantasien, die man hat.

Monika: Zeig sie mir.

(…)

 

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