Fremd gehen

 

Stimmen:
WDR, Köln, 199x

• Hörbeispiel folgt

(...)
Halbherr: Der Tod ist schrecklich.
Preisel: Das Leben ist schrecklicher. Das lange Leben — voller Angst, voller — Versuche, und — Rückschläge — peinlich — Diese dauernde Demütigung — allein schon die Verdauung — verzeih — oder das — dieses Prostata — Ding und alles drumherum und auch sonst — immer riecht man irgendwie nach — Schweiß oder die Füße und die Haare und aus dem Mund. Und die Fingernägel werden schmutzig, und man hat Warzen und Fußpilz. Und die Zähne und schließlich — wird man krank, man hat Schmerzen und kann sich verdammt — kann sich verdammt noch einmal nicht wehren gegen diese dauernde Plagerei, diese Demütigung. — Verzeih — verzeih mir — verzeih.
Halbherr: Du bist nicht — wir — — wir — zusammen können wir — leben.
Preisel: Nein, nein. Ich habe keine — Gefühle — mehr. Ich habe keine — Ich fühle nichts. Es ist kalt. Es ist einfach — vorüber — schon lange.
Halbherr: Aber ich —
Preisel: Nur Ekel — und Scham. Es ist so — demütigend.

Schweigen.

Preisel: Man wird so schwach, so müde. Und es geht nie, nie — zu Ende, verdammt — jemand — jemand muß doch — Sonst geht es immer so weiter — Wir brauchen jemanden, der — Schluß macht. — Erlösung — Stille — — Ordnung.
Halbherr: Aber tot! Man — du — spürst nichts mehr. — Erzähl mir noch einmal von meinem schweren Körper, von meinem Haar —
Preisel: Nein. Das ist jetzt vorbei — ja.

Schweigen.

Halbherr: Können wir nicht — irgend etwas zusammen — machen? Irgend etwas? Irgendwohin gehen, essen gehen, spazieren oder — du kannst auch — — wenn du willst — wir können zu mir nach Hause gehen — und wir können — versuchen — es — wir können es versuchen.
Preisel: Nein, nein — dazu ist es zu spät. Ich habe alles vorbereitet, und ich wollte es so, und es ist — ich glaube — es ist gut, wenn man es über einen längeren Zeitraum betrachtet — — gut.
(...)

 

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