Die Töchter von Taubenhain

Theaterstück für 5 Personen
(2003)

 

Uraufführung: Theater Luzern, November 2004, Regie Christina Rast

Prolog

Ein Schuss ertönt.


Sophie: (ruft aus dem off) Emily! Dorothee! Wartet auf mich. Ich komme.


Zwei Schüsse ertönen. Dann kommt Sophie auf die Bühne gerannt. Sie ist nackt, aber weder sie noch später Reinhard scheinen ihre Nacktheit zu bemerken. In der Hand trägt sie ein Gewehr. Sie bleibt stehen, schaut sich um.


Sophie: Horcht! Mein Geliebter! Seht, da kommt er, springend über die Berge, hüpfend über die Hügel. Er gleicht dem Reh oder dem Hirsch; da, schon steht er hinter unserer Mauer, schaut durch die Fenster, späht durch die Gitter. Er spricht und redet zu mir: Komm, meine Freundin, meine Schönste, komm! Vorbei ist der Winter, der Regen verschwunden, vergangen. Die Blumen erscheinen am Boden. Den Kuckuck hört man in unserem Land, und die Kirschen sind reif am Kirschbaum. So süss sind sie, so süss ...


Reinhard läuft auf die Bühne. Als er Sophie sieht, hält er an. Er ist ausser Atem.


Reinhard: Wo sind wir hier?

Sophie: Im Paradies.

Reinhard: Man könnte es meinen. Wie still die Blumen sind.

Sophie: Mein Herz ist in diesem Garten. Nichts wächst hier, was mich nicht liebt, und von mir nicht zärtlich geliebt wird.

Reinhard: Wer sind sie? Die Gärtnerin? Die Jägerin?

Sophie: Sie können mich Sophie nennen, wenn sie wollen.

Reinhard: Was machen sie hier? Sophie.

Sophie: Ich bin immer hier. Ich bin hier geboren und gewachsen.

Reinhard: Sie leben ganz allein?

Sophie: Ich bin nicht allein. Es ist mein Garten.

Reinhard: Ich habe gemeint, hier wohnt keiner.

Sophie: Ich habe mich versteckt, damit sie mich finden.

Reinhard: Jetzt habe ich sie gefunden, aber ich habe mich verloren. Ich weiss nicht mehr, wo ich bin.

Sophie: Am Anfang oder am Ende. Ich verwechsle das immer.

Reinhard: Von da sind wir gekommen, nicht wahr? Oder von da? Ich würde den Weg zurück nicht mehr finden.

Sophie: Es gibt keinen Weg zurück.

Reinhard: Wo ist die Strasse? Mein Auto? Wo sind die anderen?

Sophie: Welche anderen?

Reinhard: Sie haben doch gesagt, sie sind nicht allein.

Sophie: Habe ich das gesagt? Ich vergesse immer gleich alles. Soll ich ihnen etwas verraten?

Reinhard: Ich bitte darum.

Sophie: Die Vögel mit den grossen Augen fangen am Morgen früher an zu singen.

Reinhard: Wie kommen sie denn darauf?

Sophie: Haben sie das gewusst? In der Mongolei ruft der Kuckuck am Morgen zwei Stunden lang.

Reinhard: In der Mongolei?

Sophie: Im Morgenland. Heute hat er mich den ganzen Tag über gerufen.

Reinhard: Der Kuckuck? Ich weiss nicht viel von Vögeln.

Sophie: Nur die Stimmen können sie nachmachen. Die Stimmen der Vögel.

Reinhard: Woher wissen sie das?

Sophie: Sie haben es mir doch beigebracht.

Reinhard: Wann?

Sophie: In einem früheren Leben. Gestern. Oder im letzten Jahr?

Reinhard: Das habe ich von meinem Grosvater gelernt. Als ich ein Kind war.

Sophie: Ich war auch einmal ein Kind.

Reinhard: In die Mongolei wäre ich gern einmal gefahren. Ich war noch nie im Osten.

Sophie: Es ist einerlei. Wenn sie immer weiter nach Westen gehen, kommen sie auch in den Osten.

Reinhard: Das ist wahr. Die Erde ist rund. Aber ich war auch nie wirklich im Westen. Ich meine ...

Sophie: Wir drehen uns im Kreis. Spüren sie, wie die Erde sich dreht? Der Wind ... Mir wird ganz schwindlig.

Reinhard: Ich glaube nicht.

Sophie: Morgen um dieselbe Zeit sind wir wieder hier.

Reinhard: Wenn sie das so sehen ...

Sophie: Geboren werden oder sterben, es ist dasselbe. Wir kommen zu einer Tür herein und gehen zur anderen wieder hinaus. Das Leben dauert drei Sekunden.

Reinhard: Was sagen sie für seltsame Dinge.

Sophie: Die Lebenden träumen vom Tod, und die Toten träumen vom Leben.

Reinhard: Sie bringen mich ganz durcheinander.

Sophie: Lieben sie mich?

Reinhard: Wir haben uns ja eben erst getroffen.

Sophie: Wie viel Zeit brauchen sie denn, um mich zu lieben? Eine Stunde, einen Tag, ein Jahr?

Reinhard: Ich weiss nicht. Eine Woche vielleicht?

Sophie: Ein Jahr oder ein Tag, es ist dasselbe. Ich habe sie gleich geliebt. Ich liebe sie schon lange. Wollen wir vögeln?

Reinhard: Sie ...? Das ist ...

Sophie: Komm in meinen Garten und iss meine Früchte und trink meinen gewürzten Wein. Komm! Heute ist unser Hochzeitstag. Die Liebe ist stärker als der Tod.

(...)

 

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