Der Kuss des Kohaku

Theaterstück für 4 Personen
(2003)

 

Uraufführung: Schauspielhaus Hamburg, April 2004, Regie Florian Fiedler

(...)

Das Sofa steht an der anderen Wand, darauf liegt der Beutel mit dem Fisch. Michael und Monika sitzen auf den Armlehnen und schauen sich an.


Michael: Wir sitzen auf den Armlehnen.

Monika: Ja. Das ist wahr.


Schweigen. Michael lacht.


Michael: Und der Kohaku sitzt da, bequem ... nur die Luft geht ihm aus.

Monika: Kann man nicht Luft reinblasen?

Michael: Die Pumpe ist im Aquarium. Und das Aquarium ...

Monika: Fasst du den wirklich an?

Michael: Möchtest du ihn anfassen? Magst du Fische?

Monika: Ich weiss nicht. Er ist schön. Aber unheimlich ist der auch ein bisschen. So ... so stumm.

Michael: Nicht wahr? Das ist es. Er ist so still.

Monika: Wie ein Gott.

Michael: Ja.

Monika: ... der schweigt.

Michael: Aber alles weiss. Alles versteht.

Monika: Ersticken muss schlimm sein.

Michael: Wie wenn ein Gott stirbt. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Die Welt müsste stillstehen.

Monika: Ich bin nicht gläubig.

Michael: Ich auch nicht. Religion ist immer ein bisschen peinlich.

Monika: Nicht an Gott und so.

Michael: Aber die meisten Leute glauben an irgendetwas. Die wissen vermutlich selbst nicht woran.

Monika: Genau. Daran glaube ich. – Dass es irgendetwas gibt.

Michael: ... was grösser ist als wir.

Monika: Im Pflegeheim, da wo ich arbeite, die Leute sterben mir unter den Händen weg. Die meisten glauben an irgendetwas. Sie fragen mich, aber was soll ich sagen? Ich nehme sie in die Arme.

Michael: Meinst du, an die Liebe glauben oder so?

Monika: Einmal, als es so heiss war im Sommer, da sind mir sechs Leute gestorben in einer Woche. Was soll ich da sagen?

Michael: Das ist hart.

Monika: Eigentlich sterben die, wenn sie von zu Hause weggehen. Bei uns, das ist wie die Transitzone im Flughafen. Du bist an einem fremden Ort, du wartest auf deinen Flug, das Gepäck ist irgendwo. Du solltest sehen, was die mitbringen von zu Hause. Die einen kommen mit einem Koffer: ein paar Kleider, ein paar Fotos ... Und andere lassen sich Möbel ins Zimmer stellen, die bringen alles mit. Das macht die Sache auch nicht leichter.

Michael: Ich möchte hier sterben. Zu Hause. In meinem Haus. Wo meine Sachen sind und alles. Der Garten, die Erinnerungen ...

Monika: Der Garten ist schön, die alten Obstbäume. – Wie hast du das gemeint, mit dem Haus? Dass ich das haben müsste?

Michael: Manchmal denkt man sich solche Sachen aus. Machst du das nie? Dass du ... ich stelle mir das vor. Wie du da in der Küche stehst und ... und irgendetwas machst. Etwas kochst oder backst. Du würdest da so gut reinpassen. Dieses Glück ... Ich hatte das mal, vor vielen Jahren, als ich mit einer Frau zusammengelebt habe. Wenn du das einmal gehabt hast ... du erwartest nicht, dass du das noch einmal kriegst. Vielleicht später. Wenn man alt ist. Aber mit fünfundvierzig ...

Monika: Der zweite Frühling.

Michael: Nichts Sexuelles.

Monika: Das habe ich nicht gemeint.

(...)

 

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