Das Lied des Lammes

Theaterstück für 9 Personen
(2002)

 

Uraufführung: frei

(...)
Die Studiogäste gehen in einer Kolonne über die Bühne. Sie halten sich an einem Seil. Sie haben die Augen verbunden.


Petra: Die Sonne scheint. Die Welt ist schön. Demokratie ist die Regel. Die Frauen sind die Männer. Die Dörfer sind die Städte. Wir sind eine grosse Familie. Alle Häuser sind gleich gross. Die Berge sind die Täler, das Land ist das Wasser. Stellt euch vor, wie es ist ... Stellt euch vor, wie es ist ... und eins, zwei, eins, zwei ...


Die Kolonne marschiert von der Bühne.


Sabine: Und sie sterben und werden wieder geboren und sterben und werden wieder geboren. Es hört nie auf.

Hanspeter: Die Zahl der Dinge nimmt ab.

Sabine: Es regnet ... wenn es ... wenn es hier regnet ... der Regen peitscht gegen die Fenster. Er ist hier stärker als im Zentrum. Und der Wind ... wenn es ... Und die Strasse ist dunkel geworden, und der struppige, dunkle Kienberg ... die Sonne scheint schräg zwischen den Wolken hindurch auf die Blutspendeplakate ...

Hanspeter: Mein Blut für dich.

Petra: Mein Blut für dich.

Sabine: Wie soll ich es erklären? Mein Blut für dich. Das ist es doch. Ein Kreislauf. Ein Blutkreislauf, der bis in die hinterste und letzte Zelle reicht. Ich bin das Blut. Ich fliesse. Ich bin überall und nirgends. Man steigt nie zweimal in den selben Fluss. Ich bin der Fluss. Nichts an mir ist fest. Alle sieben Jahre erneuert sich der ganze Körper. Jedes Atom. Man kann es nicht greifen, man kann es nicht halten. Es zerrinnt dir zwischen den Fingern. Es ist ...

Hanspeter: Am Anfang war das Seiende nichtseiend. Da kam das Seiende zur Entstehung. Da bildete es sich zu einem Ei. Da lag es ein Jahr lang da. Da spaltete es sich. Da entstanden daraus zwei halbe Eischalen, eine silberne und eine goldene. Die silberne Eischale, das ist die Erde; die goldene, das ist der Himmel. Aber was da geboren wurde, das ist jene Sonne.

Ein Viertel ist das Feuer, ein Viertel der Wind, ein Viertel die Sonne, ein Viertel sind die Himmelsrichtungen.

Sabine: Der Raum?

Hanspeter: Ein Viertel ist das Auge, ein Viertel das Gehör. Ein Viertel ist die Sprache. Ein Viertel ist der Atem.

Sabine: Die Zeit?


Die Kolonne der Studiogäste geht noch einmal über die Bühne. Herr Grundmann, der zuhinterst geht, nimmt seine Augenbinde ab und schaut sich neugierig um.


Herr Grundmann: Aber das ist ja ...

Petra: Stellt euch vor, wie es ist. Es ist gut. Es ist schön. Alles wird gut. Ein Garten ... kommt, Kinder, kommt, kommt zu mir ...

(...)

 

Fremd gehen
Die Planung des Planes
How to create your own perfect Billy
Das Lied des Lammes
Die Lösung oder Nebenflüsse der Donau
Après Soleil
Der Kuss des Kohaku
Die Töchter von Taubenhain

 

Aktuelles Lesungen Texte Prosa Hoerspiel Theater Film Journalismus Satire Werbung Biografie Bilder Newsletter Kontakt Links Agnes

 

Facebook