Aus dem Leben von Hansmax Preisel, Buchhalter

Hansmax Preisel stellt seine Uhren

von Peter Stamm

 

Als Herr Preisel erwachte, wusste er nicht, wie spät es war. Er schaute aus dem Fenster, und der Himmel war grau, wie schon seit Tagen. Seit Tagen, an die Preisel sich nicht erinnerte, denn er fühlte sich wie aus dem Nichts erwacht, als sei sein ganzes bisheriges Leben nur ein Traum gewesen. Seine Gedanken schienen rasend schnell im Kreis zu drehen, Bilder tauchten auf und verschwanden hinter neuen, ohne Ordnung und ohne Sinn. Kindheitsbilder, Bilder von Menschen, an die er sich kaum erinnerte, Lehrern vielleicht oder Nachbarn. Bilder von Beerdigungen, von einem leeren Sportstadion, von verregneten Gärten.
In der Küche fühlte Herr Preisel sich fremd, wusste nicht wo Kaffee und Filter waren, fand das Geschirr, das er noch nie gesehen zu haben schien, erst nach langem Suchen. Es hatte zu regnen begonnen, und Windböen schlugen die kleinen Tropfen gegen das Fenster. Alle Geräusche waren ungewöhnlich laut. Das schwache Licht, das durch die Wolken drang, blendete Preisel.
Später ging er nach draussen, wo niemand war. Es musste Sonntag sein. Preisel wusste nicht wie spät es war, hatte seine Uhr vergessen oder verloren. Vielleicht hatte er nie eine Uhr besessen, vielleicht war er ein anderer, an einem anderen Ort. Vielleicht hatte es ihn nie gegeben oder gab es ihn nicht. Es war ihm, als schwebe er über diesem Körper, der da einer Strasse entlang ging, die er nicht kannte, die nirgendwo hinzuführen schien.
Irgendwann kam Preisel an einen kleinen Park, und trotz des Regens setzte er sich auf eine der Holzbänke. Er versuchte, klar zu denken, aber es gelang ihm nicht. Alles war laut, der Wind, der Regen, das Licht. Selbst diesen Körper, der da sass, hörte er laut, hörte das Rauschen des Blutes in diesen Ohren, den dumpfen Pulsschlag, das Scharren jener Füsse auf dem feinen Kies. Noch immer sah er keinen Menschen, hörte keinen Verkehr. Es war, als habe der Regen ihn eingeschlossen, in ein Zimmer ohne Wände und ohne Decke.
Irgendwann ging Hansmax Preisel weiter. Es wurde dunkler, und jetzt sah er hier und dort andere Menschen, sah Autos und Fahrräder. An einer Ampel blieb er stehen, dann ging er weiter. Einmal drehte er um. Er war lange gegangen, musste lange gehen, aber endlich erkannte er die Gegend, erkannte das Mehrfamilienhaus, in dem er eine kleine Wohnung gemietet hatte.
Die Wohnung war dunkel und leer. Die Luft war abgestanden, als sei seit Wochen niemand hier gewesen. Das Bett war nicht gemacht und in der Küche stand der Kaffeefilter noch auf dem weissen Porzellankrug. Im Badezimmer fand Herr Preisel seine Uhr. Erst jetzt merkte er, dass er völlig durchnässt war, dass er fror. Als er sich auszogen und trocken rieb, spürte er seinen Körper wieder. Es war ihm, als kehre er in ein Haus zurück, das lange leer gestanden hatte.
Dann erinnerte er sich an die Zeit, während der er in der französischen Schweiz, bei einer Schleifmittelfabrik gearbeitet hatte. Er war keine zwanzig Jahre alt gewesen, als er von zu Hause weggegangen war. Die Fabrik lag etwas ausserhalb des kleinen Dorfes im Neuenburger Jura. Hansmax hatte ein Zimmer bei einer alten Wittwe gemietet. Überall im Haus waren kleine Schilder angebracht, Ermahnungen das Licht zu löschen, keinen Lärm zu machen und nicht unnötig warmes Wasser zu verbrauchen. Die Wittwe hatte jeden Tag von ihrem Mann erzählt, der kurz nach der Geburt ihres Sohnes verstorben war, von diesem Sohn, der in England für eine Büromöbelfabrik arbeitete und in den Augen seiner Mutter eine glanzvolle Karriere machte.
Manchmal hatte Herr Preisel damals noch geraucht, draussen, hatte sich auf die Kellertreppe gesetzt, als dürfe ihn niemand sehen. Im Zimmer neben ihm hatte ein alter Mann gewohnt, der von seiner Invalidenrente lebte, der dauernd irgendwelche Geräusche machte, ächzte und stöhnte. Nachts hatte Preisel ihn stundenlang vor sich hin murmeln gehört.
Den ganzen Winter über lag das Dorf im Nebel und wenn Preisel von der Arbeit kam, war es schon dunkel. Manchmal kamen Briefe, und wenn er sie in der Stube lesen wollte, war da kein Licht, und irgendwo in der Dunkelheit sass der Nachbar und machte ein Geräusch, und dann ging Preisel in sein Zimmer, das kalt war und feucht und ungemütlich, oder er ging noch einmal aus dem Haus in eins der Kaffees des kleinen Dorfes und trank einen Kaffee oder einen Deziliter Rotwein.
Jetzt war es draussen ganz dunkel geworden. Herr Preisel machte Licht, schaltete das Radio ein. Es klingelte an der Türe. Draussen stand Frau Brühwiler, die Wittwe, die im ersten Stock wohnte. In der Hand hielt sie eine Schüssel. «Ich habe Schokoladepudding gemacht», sagte sie, «wenn sie etwas davon wollen...» Stumm starrte Herr Preisel sie an. «Haben sie daran gedacht, dass sie heute die Uhren umstellen müssen», fragte Frau Brühwiler, «die Winterzeit hat wieder angefangen.»
Herr Preisel bedankte sich für den Pudding. Als er die Türe geschlossen hatte, lehnte er sich heftig atmend an die Wand. Langsam wich die Angst von ihm, aber er fühlte sich noch immer schwach. Dann ging er in die Stube und stellte seine Uhren nach. Die Tagesschau hatte er verpasst.

 

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