Die Fernsehwerbung ist schlecht wie eh und je, aber

«S'Mami lueget scho»

 

Wenn es nicht geschneit hätte, und wenn nicht der Wald so weiss und schweigend und so schön gewesen wäre, vielleicht hätte ich dies nie geschrieben. Schliesslich mussten wir uns auch im Herbst schon so einiges an schrecklicher Fernsehwerbung gefallen lassen. Erinnern Sie Sich noch? Nella Martinetti, die auf die unvergleichliche Wirksamkeit von Fairy Ultra schwört, und das Kind, das trotz Mamis Abwesenheit überzeugt davon ist, dass dieses jede Nacht heimgekommen ist und Blüemli in ihre Kleidli gelegt hat. Dabei hat sich irgendein Weichspüler nachts blümchenstreuend durchs Haus geschlichen. Das ist wenigstens Pappis Version. Und Mami und Kkindli glauben es ihm. Oder erinnern sie sich an die schreckliche Geschichte von Leon, der ganz «quengelisch» wird, wenn er nicht in «Pampers» pissen kann? Oder an jene sympathische Dame, die selbst ihrer besten Freundin Always ultra empfehlen würde, weil nur diese ihr ermöglicht «das ich so cha si, wie'n ich bi. Ebä well ich mit dä Always alles mache cha»? Na? Wirklich alles? Dabei sollen diese Dinger gemäss meinen Gewährsfrauen im Gegensatz zur Werbung dafür wirklich gut sein.
Während Always erst «ultra» ist, hat Ariel die ultra-Stufe bereits überschritten und mit Ariel futur ein Mittel gefunden, das doch wahrhaftig noch weisser wäscht als Ariel ultra. Diese Lüge wird von Jürgen Brügger verbreitet, der noch dazu behauptet, «von Bauknecht» zu sein. Dabei weiss nun wirklich jede Schweizerin und jeder Schweizer, dass der ehemalige Motel-Direktor ein Schauspieler ist, noch dazu ein guter. Was denken sich die Werber dabei, wenn sie uns Brügger als Bauknecht-Ingenjeur verkaufen wollen? Halten sie uns für so dumm, für so abgestumpft?
Nicht viel besser ist die Werbung der Ariel-Konkurrenz Dash. «Weiss», werden wir da belehrt, «gehört zum Leben» und «weisser als Dash wäscht kein Waschmittel mit separatem Weichspüler». «Das Leben», heisst es, und wir sehen eine Löwin mit Kind, «schenkt einem auch Zartes und Weiches. Und deshalb macht ihnen», also uns, «Dash weiche Wäsche zum Geschenk.» — «Zum Geschenk?» — «Ist das wahr?» — «Zum Geschenk?» Ja, liebe, dumme Hausfrau, zum Geschenk — das du allerdings selbst bezahlen musst. Im Weltbild der Werber ist die Frau noch immer das depperte Stück am Herd, das auf jede Bauern- bzw. Frauenfängerei hereinfällt. Zwar flüstert gelegentlich ein lustiges Mannsbild: «Schätzi, morn bin ich dänn dä wo chochet.» («Das Rezept heisst Findus») Aber im grossen und ganzen gilt, was der krause Martin für die Becel-Leute sagt: «S'Mami lueget scho.»
Wenn die Frau mal nicht kocht oder sich Weichheit schenken lässt, pflegt sie sich. Immer schön und immer sauber will sie sein, man kann ja nie wissen. Schliesslich muss sie sogar in der Nescore-Werbung damit rechnen, in Unterwäsche gefilmt zu werden. Neben sauberer Wäsche bedeutet Schönheit «vor allem schönes Haar, das vor Gesundheit glänzt». Und natürlich schöne Haut: dank «Oil of Olaz» werden darauf sogar Gefühle sichtbar und jeder kann sehen, wie jung die Werbetante sich nach dem Duschen anfühlt. Wer genug hat von den veralteten Schönheitsidealen und von einer Revolution träumt, kann sich diese mit der Studio-Pampe von L'Oreal in die Haare schmieren. Dazu gibt es erst noch gratis «Freiheit total»: «Stu-stu-stu-ahm-dioline-ahm-freiheit total-stu-stu-stu-ahm-ahm...»
Der Königsjodler unter den Werbesendungen ist aber das Coop-Studio. Nicht einmal Denner, der sich mit seiner Dauertiefwerbung immer bemüht, noch dümmere Spots zu machen, als die anderen, kann die genuine Biederkeit der Coop-Werbung übertreffen. Was uns die Dame in der rosaroten Strickjacke Neckisches über den Coop-Kaffee erzählt, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Selbst der Muselmann wird nach dieser hochkonzentrierten Spiessigkeit zum Tee greifen. «Er beging die Hauptsünde gegen die Menschheit. Er verschuf seiner Kreatur leben», verkündet eine vibrierende Stimme vom neuen Frankenstein (ab 6. Januar im Kino). Genau das hat das Fernsehen mit den Kreaturen der Werber gemacht. Es verschuf ihnen Leben. Und während die Zeitungsinserate wenigstens überblättert werden können, entgeht nicht einmal der eifrigste Zapper dem verfilmten Schwachsinn der TV-Spots, die hinter jeder Sendung lauern.
Aber warum überhaupt gegen die Fernsehwerbung schreiben? Viel dümmer als das Programm ist sie nicht, und im Gegensatz zu den Sendungen sind die Spots wenigstens nach zwanzig oder dreissig Sekunden vorüber. Nun, es hat eben geschneit, und wenn man sich nach einem langen Waldspaziergang noch voller Waldesruhe mit einer Tasse Glögg vor den Fernseher setzt, tut die Blödheit der Werbung einfach besonders weh.
«Die erste Satire wurde gewiss aus Rache gemacht», sagte Lichtenberg, «sie zur Besserung seines Nebenmenschen, gegen die Laster und nicht gegen den Lasterhaften zu gebrauchen, ist schon ein geleckter, abgekühlter, zahm gemachter Gedanke.» Wir wollen nicht geleckt und nicht zahm sein. Gegen die Werbung und zu deren Besserung zu schreiben ist ohnehin hoffnungslos. Die Überzeugung der Werber, dass das Publikum debil ist, scheint ohnehin felsenfest zu sein. Seit ich mich erinnern kann, hat die TV-Werbung sich kaum verändert. Gelegentliche Lichtblicke wie der Milch-Spot mit der Kuh oder die (von einem Amerikaner gemachte) Werbung für Valser-Wasser («alles wird besser, Valser bleibt gut») erwiesen sich als Irrlichter im Sumpf der Waschmittel- und Katzenfutter-Werbung. Valser-Werbung wird besser. Der Rest bleibt schlecht.
Der Zuschauerin kann nur empfohlen werden, wegzuschauen und die Produkte mit den dümmsten Werbespots in den Gestellen der Warenhäuser stehen zu lassen. Und wenn sie sich nach einem fernsehfreien Nachmittag und einem langen Spaziergang durch den Winterwald mit ihrer Tasse Glögg doch vor den Fernseher verirrt, so bleibt ihr nur, sich über die Werbung lustig zu machen, so wie die Werbung sich über sie lustig macht. Es wird nichts helfen, aber wenigstens macht es Spass.

 

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