Eigentlich will Frau Blum nur einen Tisch kaufen

frei nach Peter Bichsel

 

Eigentlich, denkt Frau Blum, ist der alte Tisch noch gut. Trotzdem geht sie zu IKEA um einen neuen zu kaufen. Ginge sie nicht zu IKEA, wäre diese Geschichte schon zu Ende. Aber sie ist noch nicht zu Ende. Frau Blum geht zu IKEA. Der Verkäufer sagt: «IKEA ist anders.» Frau Blum ist um zwölf gekommen. Eigentlich, denkt sie, hätte ich um zehn kommen sollen.
Der Verkäufer sagt: «Als Kunde bei IKEA hilfst du tatkräftig mit.» Frau Blum kennt den Verkäufer nicht, aber in Schweden sagen sich alle Leute du. Das weiss Frau Blum. Sie ist schon einmal in Schweden gewesen. «Eigentlich», sagt sie, «wollte ich nur einen Tisch kaufen.» Frau Blum war nie vorher bei IKEA. Sie ist zum erstenmal da. Frau Blum möchte nicht, dass der Verkäufer schlecht von ihr denkt. «Gute Qualität für möglichst wenig Kosten», sagt der Verkäufer, «das ist die Idee, die hinter IKEA steckt.» Es ist schon fast ein Gespräch.
Frau Blum möchte nicht, dass der Verkäufer denkt, sie sei nur zu IKEA gekommen, weil die Tische hier billiger sind, als in anderen Geschäften. Sie ist einmal in Schweden in den Ferien gewesen. Da hat es ihr gefallen. Sie ist in Mariestad gewesen, am Vänersee. Frau Blum könnte sich auch einen Tisch von Möbel Pfister leisten. Sie könnte auch warten und gar keinen Tisch kaufen. Dann wäre diese Geschichte schon zu Ende. Aber diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.
«Ein Tisch ist nicht ein Tisch», sagt der Verkäufer. «Der Tisch Gammelstad zum Beispiel», sagt er, «bringt gemütliche Wärme in dein Esszimmer.» Frau Blum braucht einen Tisch für die Küche. Sie weiss, dass «gammel» alt heisst, auf Schwedisch. Vor zehn Jahren ist sie einmal in Schweden gewesen, oder noch länger her. Jetzt ist sie selbst «gammel», denkt sie. Der Verkäufer sagt: «Tropenholz wirst du bei uns vergeblich suchen.»
Frau Blum geht in's IKEA Restaurant. Sie isst einen preisgünstigen Roastbeefteller für Feinschmecker. Sie möchte mit den Kindern vom Nebentisch sprechen. Aber sie macht es nicht, weil ihr ein Stück Roastbeef zwischen den Zähnen klemmt, ganz vorne, wo man es sieht. Frau Blum ist kein Feinschmecker. Sie ist nicht mehr in die Ferien gegangen, seit ihr Mann gestorben ist. Nur nach Neunforn, zu ihrer Tochter.
Frau Blum bezahlt 13 Franken 20 für das Essen. Sie hat nicht alle Pommes Frites gegessen. Trotzdem gibt sie 30 Rappen Trinkgeld. Es ist nicht die Schuld von IKEA, wenn sie keinen Hunger hat, denkt Frau Blum. Sie hätte um zehn kommen sollen, denkt sie, dann hätte sie zu Hause essen können und hätte jetzt kein Roastbeef zwischen den Zähnen, ganz vorne. Aber dann hätte sie auch keine Kinder am Nebentisch gehabt, weil sie dann nicht in's Restaurant gegangen wäre. Vielleicht doch, für eine Tasse Kaffee. Jetzt kann Frau Blum nicht mehr sprechen, ohne dass es ihr peinlich ist.
Eigentlich hätte Frau Blum gerne den Verkäufer kennengelernt. Vielleicht ist er Schwede. Oder Italiener. Sie wird nicht mehr nach Schweden gehen, jetzt, wo ihr Mann tot ist. Auch nicht nach Italien. Obwohl Italien sehr schön sein soll. Frau Blum war noch nie in Italien. Eigentlich, denkt sie, brauche ich keinen Tisch. Sie hat ja noch den alten, den sie und ihr Mann bei Möbel Pfister gekauft haben. Als ihr Mann noch lebte. Der Tisch ist alt. «Gammel», denkt Frau Blum. Aber sie ist auch «gammel», denkt sie. Ein Tisch ist ein Tisch, denkt sie. Sie kauft keinen neuen Tisch. Sie geht nach Hause, ohne etwas gekauft zu haben. Die Schweden, denkt Frau Blum, sind freundliche Leute. Vielleicht sollte sie doch noch einmal nach Schweden gehen.

Eigentlich ist das keine Geschichte. Trotzdem ist sie jetzt zu Ende.

 

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