Nachts oder im Sommer am Sonntag oder Montag

Zusammen sein ist was zählt

von Peter Stamm

 

Im Sommer haben die Sonntagnachmittage eine ganz eigene Qualität. An einem Julinachmittag beispielsweise will Simone vielleicht Stollenpneus für ihr rotes Fahrrad anschaffen. Aber bald haben die anderen sie davon überzeugt, dass damit der Reibungswiderstand ihrer Räder wesentlich steigen würde und sie kommt schnell wieder von ihrem Vorhaben ab. Überhaupt ist der Sommer die Zeit der Pläne, die zu nichts werden, und die dennoch die Bewohner des Hauses an der dichtbefahrenen Autostrasse mit Freude erfüllen und mit dem aufregenden Gefühl, ihr Leben sei einer dauernden Veränderung unterworfen. Sie lagern auf der Wiese hinter dem Haus und üben sich während eines ganzen Nachmittages im Blumenwerfen, bis die Besten von ihnen eine beachtliche Fertigkeit erreicht haben. Das Vogelbad ist schon am morgen aufgefüllt worden, so ist im wilden Garten nicht viel zu tun und man spricht ausdauernd über die Lärmbelästigung durch die Strasse und über ein weitentferntes Sommerfest, dass man irgendwann veranstalten wird.
Im Sommer sind die Nachmittage länger, ebenso die Abende. Dann sitzt man gerne unter dem kleinen Obstbaum oder in der schattigen Laube und diskutierte beispielsweise die Sommerferien, die man demnächst antreten wird oder die man schon hinter sich hat. Dann erzählt vielleicht Marcel die Geschichte von seiner Durchfallserkrankung im Norden Afrikas oder jene von den grossen Käfern in Kolumbien. Jemand erwähnt einen toxischen Bienenstich, der sein oder ihr Gesicht zu Romy-Schneider-Ähnlichkeit anschwellen liess. Daraus könnte sich eine Diskussion über Frauenschönheit ergeben, die in dieser Zeit besonders augenfällig ist, nicht nur für die Männer. Jemand wird bestimmt Claudia Schiffer erwähnen, und die anderen werden verschiedene französiche Filmschauspielerinnen nennen, die das deutsche Modell an Schönheit bei weitem übertreffen. Aber niemand wird das Thema wirklich bis in seine Tiefen diskutieren wollen. Denn der Sommer ist die Zeit der Erinnerungen, nicht des Grübelns oder Haderns mit dem Schicksal oder der Welt oder mit Fotomodellen. Der Sommer ist die Zeit der sinnlichen Erinnerungen, die alle Gedankenflüsse an sich ziehen, wenn man oft untätig stundenlang sitzt oder liegt. Man denkt an schöne und reiche Menschen, weil es gut tut. An ihre Schwächen und ihren Lebenswandel, der ihnen nicht erlaubt, in Gärten unter Bäumen zu liegen und zuzuschauen, wie Urs zum Beispiel den Grill anfeuert. Vielleicht denkt jemand an eine Hütte an einem See oder erzählt von langen Ferien in Spanien oder Irland. Aber auch Geschichten, auch Träume können die Zeit nicht aufhalten. Und irgendwann ist dann die Glut bereit, und alle holen und bringen, was sie grillieren wollen, ihr Fleisch oder doch eher ihren Tofu, denn man isst vegetarisch.
Als es dunkel wird, nimmt Sonja sich vor, im Herbst oft an den See zu gehen, öfter als jetzt, wo sie nur daran denkt und der Gedanke sie schon erfrischt. Vielleicht vermeint sie die kalte tiefe Strömung an ihren Füssen zu spüren und den leisen Schauer, der sie im moosgrünen Wasser immer befällt. Vielleicht auch nicht. Im Herbst jedenfalls wird es zu kalt sein zum Baden, und sie wird sich nur über die vielen Frauen wundern, die ihre Kinderwagen alleine den Spazierwegen entlang schieben werden. Und sie wird sich wie diese fragen, ob das nun schon alles gewesen sei. Denn selbst als junger Mensch weiss sie ja nie im Herbst, ob sie noch einen Sommer erleben wird und fängt vielleicht auch schon einmal an zu rechnen, wieviele Auguste sie noch zu Gute haben könnte.
Inzwischen hat jemand Sterne erkannt und streitet sich mit Marcel über deren Namen. Erika sagt nur, es sei einerlei, so weit entfernt wie sie seien. Urs findet immer noch Gluten, in die er blasen kann, obwohl die letzte Tofuwurst längst vom Grill ist und die Feuerwehr an allen Scheunen im Dorf vor dem Entzünden offener Feuer warnt. Und keine und keiner will die oder der erste sein, die oder der ins Bett geht, bis dann Monika geht, die gewisse Dinge nie verstanden hat. Denn die Nacht ist leer, sie hat keine Zeit, und wer sich darauf beruft, morgen früh aufstehen zu müssen, hat sie nicht begriffen. Tau fällt auch, schon seit Einbruch der Dunkelheit, die nicht eingebrochen ist, sondern sich ganz behutsam über den Himmel geschoben hat.
Jetzt werden die Sätze länger und die Stimmen leiser. In den Fenstern der Nachbarhäuser ist nur noch vereinzelt das Fernsehflimmern zu sehen, die blaue Blume, die keine Jahreszeiten kennt. Die Sinnlosen schlafen oder schauen fern, es spielt keine Rolle. Urs hat den Grill endgültig sich selbst überlassen, und liegt flach im Gras, und versucht zu spüren, wie die Welt sich unter ihm dreht. Aber er spürt nur die unsichtbaren Wiesentiere, die in seine Hosenbeine krabbeln. Vielleicht bildet er sich das nur ein, aber vielleicht ist es auch wirklich so. Man weiss meist nichts Genaueres im Sommer, alles ist etwas verschwommen, wie die Sicht unter Wasser. Und dann zählt Urs lobend die Vorzüge der Langspielplatte auf und schimpft über die Compact Disc, und alle hören nicht zu und denken etwas anderes. Jemand denkt, man müsste schweigen, aber wer kann das schon.
Das Vogelbad wird man morgen wieder auffüllen müssen, und das nachmittägliche Blumenwerfen ist vorbei. Vielleicht wird nie wieder jemand Blumen werfen, denkt jemand, aber es spielt keine Rolle. Weil alles sich wiederholt, sagt Erika. Auch Du, sagt Urs, wiederholst alles. Das ist es nicht. Autos fahren um diese Zeit nur noch selten vorbei, aber gerade jetzt fragt man sich, wohin sie fahren, während sich am Nachmittag niemand über die Schlangen gewundert hat, nach Westen. Und auch jetzt erst fällt jemandem auf, dass der Mond noch nirgends zu sehen ist oder nicht mehr oder überhaupt nicht, und Urs versucht, sich an den Lehrer zu erinnern, der ihm dies einst alles beigebracht hat. Aber er sieht keinen Namen und sieht kein Gesicht, denn das Licht der Sterne ist zu stark, und vielleicht ist er ja schon zu müde, wenn er auch bedacht ist, nicht im Gras einzuschlafen, das keine Erholung verspricht nur aufwühlende Träume. Zusammen sein ist was zählt. Wie die Glühwürmer, die sich in Afrika auf Bäumen versammeln und gemeinsam in die Dunkelheit blinken. Mindestens die Männchen, schränkt Simone ein. Die Weibchen fürchten die Dunkelheit nicht. Oder sie sehen sie nicht, sagt Marcel. Wenn nur niemand auf die Idee kommt, ein Radio oder sonst ein Gerät mit Musik auf die Wiese zu holen.
Irgendwann wird man dann trotzdem zu Bett gehen, und alle werden froh sein, die nicht am nächsten Morgen früh zur Arbeit gehen müssen oder sonst aus einem Grund nicht liegenbleiben können, bis die Badeanstalten öffnen und man im Schatten einer Hochsprunganlage die letzte Nacht ausschlafen kann, um kurz vor Ladenschluss das Nötigste an Esswaren wieder zu kaufen, für einen Montagabend, der an einem Sonntag sein könnte, weil Ferien sind. Den man vielleicht doch am See verbringen wird, wie man es sich im Frühling vorgenommen hat, vielleicht wird man sogar mit dem Fahrrad durch die frischgemähten Felder fahren, die irgendwie für das Brot vonnöten sind, das man mit dabei hat oder durch Felder von Tomaten, die man im Sommer in diesen Landstrichen ja auch wachsen sieht. Aber es besteht kein Handlungszwang. Dann der See, der schon so verlassen ist, dass die Wächter die Kabinen geschlossen haben und Erika und Urs weit hinaus schwimmen, bis ans andere, nicht sehr weit entfernte Ufer. Denn eigentlich ist es nur ein Weiher.
Dort steigen sie aus dem Wasser und verlieren sich für einige Minuten im dichten Wald, einem Schutzgebiet, umgeben von Feldern. Vielleicht hat es grosse Tiere hier, sagt Erika, und schon der Gedanke tut den beiden gut, bevor sie sich, nun wo es völlig dunkel geworden ist, wieder ins Wasser gleiten lassen und zurückschwimmen, gegen die geschlossene Badeanstalt, wo die anderen ein Feuer angezündet haben, wie gestern und noch oft. Martin wird vielleicht kommen, der seit Monaten in Paris lebt und nur für einige Tage sommerferienhalber da ist. Und er wird von französischen Ebenen erzählen, die nach Heu riechen wie die Heimat und wo es heiss ist, weil er in einem alten Wagen zurückgekommen ist, was ihn nicht störte, denn es waren Sonderzüge unterwegs. Wenn er wieder fahren wird, in einer Nacht im August, wird es ihm nicht helfen, dass irgendwann ein nächster Sommer sein wird, denn im Sommer denkt man nicht an die sichere Zukunft, nur an die Möglichkeiten, von denen man spricht, ohne an sie zu glauben. Aber was bleibt, bleibt. Die Erinnerungen an Stunden die keine gewesen sind, weil es Sommer war und die Nachmittage müde und die Nächte lau.

 

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