Wiedereröffnung der Zentralbibliothek Zürich

Seelig sind, die reich sind im Geist, denn Ihnen ist die Bibliothek

 

Die Zentralbibliothek in Zürich ist wieder offen! Nach einem halben Jahrhundert Platznot gibt es in der von Insidern liebevoll «ZB» genannten Institution seit dem 1. November wieder leere Gestelle. Neben den 2,7 Millionen Titeln, die man bereits besitzt, sollen darin drei weitere Millionen Platz finden. Selbst bei einem Kilometer Neuzugängen pro Jahr sollte damit für einige Zeit ausgesorgt sein. Dabei scheint im Neubau in der Zürcher Altstadt nicht mit dem Platz gespart worden zu sein: die Lesesääle sind grosszügig angelegt und selbst für den im letzten Moment gerettete ehemalige Jugendstillesesaal hat man als Handschriftensaal noch ein Plätzchen gefunden.
Der Wettbewerb für die neue Zentralbibliothek hat vor siebzehn Jahren stattgefunden, aber dem Gebäude ist kaum anzumerken, dass es in den siebziger Jahren entworfen wurde: die einen nennen das zeitlose Architektur, andere mögen es Nullösung schimpfen. Immerhin: es ist vollbracht und Freude herrscht. Der Baudirektor klopft der Bauamtsvorsteherin auf den Rücken. Die Bauamtsvorsteherin klopft dem Direktor der ZB auf den Rücken, dieser dem Architekt und der Architekt dem Baudirektoren. Die Presse interviewt jede Bibliothekarin und jeden Archivar, den oder die sie unter die Finger kriegt. Nur Regierungsrat Gilgen scheint an die wirklichen Hauptpersonen dieses Umbaus zu denken, wenn er in seiner Ansprache sagt: «Volle Gestelle — leere Hirne». Die wirklichen Hauptpersonen — denen niemand auf die Rücken klopft — sind die Bücher.
Zwei komma sieben Millionen Bücher! Alleine die Zahl jagt dem kultivierten Mitteleuropäer Schauer der Ehrfurcht über den gekrümmten Rücken. Und steigt er erst in die Untergeschosse der Bibliothek und gräbt in ihren Schätzen, so erstarrt er vollends vor Ehrfurcht. Nicht jedes Buch, das man dort findet ist ein Meisterwerk, aber die geduldig Suchende wird manche Perle und manchen Diamanten finden.
Der Nebelspalter hat den Ausflug in diese Unterwelt des Wissens gewagt und hat für seine Leserinnen und Leser einige besonders interessante und bedeutende Werke aus den fünf Untergeschossen mit zurück ans Tageslicht gebracht:

Die Vorarlberger Oberbekleidungsindustrie — Hanns Gärtner, Wagner'sche Universitätsbuchhandlung (Kommissionsverlag), Innsbruck, 1970 (138 S.)
Wer ferne Länder liebt, wird sich über dieses Buch freuen. Aber das Werk bleibt nicht an der Oberfläche banaler Landschaftsbeschreibungen, sondern geht tiefer. Wenn der Leser die Oberbekleidungsindustrie auf den ersten Blick als verhältnismässig unbedeutend ansehen mag, so erfährt er in diesem Buch von ihrer zentralen Stellung, insbesondere im Wirtschaftsleben Vorarlbergs. Dass sich diese «Industrie ohne Schornsteine» leicht in das ländlich-idyllische Vorarlberg einfügt, mag ein Grund dafür sein, dass sie bin anhin so wenig Beachtung gefunden hat. Wer abseitige Statistiken liebt, darf den ausführlichen Anhang dieses Buches nicht übersehen.

Die Rechte des Käufers beim Erwerb mangelhafter Sachen im Zivilrecht der DDR — Horst-Dieter Kittke, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 1983 (162 S.)
Liebhabern der gepflegten Langeweile empfehlen wir dieses Buch. Wenn auch die DDR nicht mehr existiert, so bleibt das Thema doch mindestens für den Historiker von grossem Interesse. Wer einmal in der DDR war, weiss, dass mangelhafte Sachen in deren Wirtschaftsleben von nicht geringer Bedeutung waren. Das Buch verdient durch seine schlichte und sachliche Sprache einen festen Platz im Büchergestell aller Freunde juristischer Fachliteratur. Schön gestalteter Einband in weiss und lila, sowie ausführliches Abkürzungsverzeichnis und geheimnisvolle Widmung.

Synthese modifizierter Glucosylceramide zur Inhibierung der Galactosyltransferase des Glykosphingolipid-Stoffwechsels — Dr. Michael Plewe, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, 1991 (228 S.)
Michael Plewe wurde 1962 in Singen/Htw. geboren. Sein Vater, Bruno Plewe, war Werkzeugschlosser, seine Mutter Olga, eine geborene Fürst, scheint bis heute als Hausfrau tätig zu sein. Neben diesen wenigen Daten ist kaum etwas über das Leben Plewes bekannt. Sicher ist nur, dass er die Grundschule in Gottmadingen besuchte und ab 1981 an der Uni Konstanz Chemie studierte. Das Geheimnisvolle in Plewes Leben spiegelt sich auch in seinem Erstlingswerk wider und gibt diesem den Reiz des Besonderen. Die Sprache ist auf's Milligramm genau in Sätzen wie folgendem: Eine Lösung von 190 mg (0.34 mmol) 19 in 3 ml Essigsäureethylester und 3 ml Methanol wird mit 70 mg Palladium auf Calciumcarbonat versetzt und unter einer Wasserstoffatmosphäre 16 h lang geschüttelt.
Im Vorwort behauptet Plewe, die Laborberichte seien rein autobiographisch. Allerdings bezweifeln wir, dass er die obengenannte Lösung tatsächlich sechzehn Stunden lang geschüttelt hat. Dies tut aber dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch. Das Buch ist ein absolutes Muss für jede Liebhaberin des Glykosphingolipid-Stoffwechsels.

Arbeitsmedizinische Untersuchungen zur inhalativen Belastung von Lichtbogen-Schmelzschweissern, Dr. med. Dr. rer. nat. Dipl. Chem. Max Andreas Zober, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 1982 (344 S.)
Welcher Lichtbogen-Schmelzschweisser hat sich nicht schon besorgt gefragt, was er da so alles einatmet? Andreas Zober — der «Mann mit den vielen Titeln», wie ihn Freunde scherzhaft nennen — hat sich dieser Frage angenommen und 321 der tapferen Berufsmänner untersucht. Dabei hat er herausgefunden, dass vor allem ältere Lichtbogen-Schmelzschweisser, die in lüftungstechnisch engen und ungenügend abgesaugten Räumen arbeiten, vermehrt siderotische Röntgenzeichen zeigen. Diese exponierte Gruppe bedarf, so Zober, einer erhöhten arbeitsmedizinischen Überwachung. Arbeiterliteratur im schönsten Sinne des Wortes. 25 Farb- und 1 Schwarz/Weiss-Foto. Einband etwas vergilbt.

Frikyrkorna, arbetarfrågan och klasskampen — Irving Palm, Almqvist & Wiksell, Uppsala, 1982 (224 S.)
Das vorliegende Werk befasst sich mit dem Verhältnis der schwedischen Freikirchen zur Arbeiterbewegung am Anfang unseres Jahrhunderts. Es wird insbesondere Lichtbogenn-Schmelzschweisser interessieren, dass dieses Verhältnis nicht ungetrübt war. Die Schwierigkeiten der Freikirchen, Mitglieder in sozial schwächeren Schichten zu rekrutieren, so der Autor, hatte möglicherweise damit zu tun, dass sie sich gegen die Arbeiterbewegung wandte. Wer Schweden — das Land der Tausend Seen — kennt, wird sich freuen, hier einen Einblick in die interessante und kaum bekannte Geschichte dieses grossen Landes zu erhalten. Da das Buch in Schwedisch abgefasst ist, dürfte es allerdings nur einem ausgewählten Kreis von Lichtbogen-Schmelzschweissern zugänglich sein.

Fussballreportagen im peruanischen und deutschen Hörfunk — Alvaro Cruz-Saco, Hochschul Verlag, Freiburg, 1987 (273 S.)
Und Kargus braucht nicht aus dem Gehäuse herauszukommen aber noch einmal die Münchner am Boden liegt die Nummer vier der Nürnberger aber Schiedsrichter Hennig, ein Mann aus Meiderich, kommt, siebenundvierzig Jahre alt ist und dieses Jahr mit diesem DFB Pokal-Endspiel sozusagen bereits seinen Abschied einläutet.
Sätze wie diesen, Sätze, die wir alle kennen, stellt Cruz-Saco solchen aus peruanischen Fussball-Radioreportagen gegenüber. Während dem gewöhnlichen Leser wohl nur auffallen würde, dass letztere in Spanisch gesprochen sind, gelangt Cruz-Saco in seinen Mikroanalysen zu interessanten Schlüssen, vor allem was die Raumorientierung des Zuhörers anbetrifft. Es zeigt sich in der vorliegenden Untersuchung, dass Fussball-Direktganzreportagen nicht nur das Bedürfnis nach Information befriedigen, sondern auch das nach Erweiterung des Alltagswissens, Unterhaltung und Entspannung (ggf. Spannung).
Ein Buch, das nicht nur Fussball-Fans nicht interessieren dürfte.

Zum Problem der Nasenflöte — Siegfried Wolf, Otto Harrassowitz-Verlag, Leipzig, 1941 (60 S.)
Noch ein Buch über Nasenflöten, mögen sie ob der Fülle der bereits erschienen Werke zu diesem Thema sagen. Aber Wolfs unscheinbare Abhandlung darf ohne falsche Bescheidenheit als bahnbrechend bezeichnet werden. Neben einer umfangreichen Materialsammlung aus allen Erdteilen und einem geschichtlichen Überblick, der nichts zu wünschen übrig lässt, sind es vor allem Wolfs Erkenntnisse über die Verwandtschaft verschiedener Nasenflötentypen, die diese Abhandlung zu einem Standardwerk der Völkerkunde machen. Sie werden in diesem Buch alles finden, was sie jemals über Nasenflöten wissen wollten — und sich nie zu fragen trauten.

 

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