Der Krieg ist noch nicht zu Ende!

 

Schön und warm war es am 8. Mai 1945. Die Kinder freuten sich, dass sie schulfrei hatten und sangen vor den Schulhäusern vaterländische Lieder, der Belgische König Leopold wurde in Strobel befreit, und der 59-jährige Handlanger Josef Gabriel starb bei einem Velounfall in Freiburg. Die Post gab eine Friedensmarke heraus, und beim Sport-Toto gewann ein Alleingewinner die reglementarische Höchstgewinnsumme von Fr. 15’000. Um elf Uhr läuteten in Zürich die Kirchenglocken für eine halbe Stunde, am späten Nachmittag brachte Radio Beromünster einen «Kleinen Staatsbürgerkurs für die Hausfrau und Mutter» und am Abend läuteten die Glocken noch einmal, diesmal in der ganzen Schweiz. Der Bundesrat hatte die Weisung gegeben: «20 Uhr bis 20 Uhr 15 Glockengeläute, 20.15 Ansprache an das Schweizervolk an allen drei Landessendern, und zwar gleichzeitig.» Den Eidgenössischen Behörden war daran gelegen, «nicht etwa voreilig die geplante Kundgebung der Dankbarkeit auszulösen.» In der Tonhalle spielte man Beethovens Ode an die Freude, im Zürcher Kino Orient lief «Vampire der Gesellschaft», im Walche «Hölle, wo ist dein Sieg?»
Die Hölle hatte Europa hinter sich. Aber wo war der Sieg? Während das Volk auf den Strassen jubelte und tanzte, empfahl der Bundesrat eine «besinnliche Begehung des Tages der Waffenruhe.» Während in den Kirchen Dankgottesdienste abgehalten wurden, mahnte General Guisan seine Wehrmänner vor verfrühter Freude: «Stolz, dieser Armee anzugehören, werdet ihr weiterhin den Dienst leisten, den das Land bis zur Sicherung des Friedens von euch verlangt.»
Bis heute leisten wir Dienst und bis heute haben unsere Politiker und Militärs Mühe, sich über das Kriegsende zu freuen. Schon am Tag des Friedens fragte sich die Zentralleitung der FDP Schweiz besorgt, ob «der Beschäftigungsgrad auf der Höhe der Kriegsjahre gehalten werden kann oder ob die längst gefürchtete Arbeitslosigkeit eintritt» und an der Generalversammlung der Sulzer AG wurde betont, wie wichtig es sei «gerade in der Übergangszeit vom Krieg zum Frieden die mühsam erreichte Stabilität der Preise und Löhne» nicht zu gefährden. Zwar hatte der Bundesrat schon am ersten Mai nicht mehr an den Deutschen Sieg geglaubt und weitsichtig die Auflösung der NSDAP, Landesgruppe Schweiz beschlossen, aber ebensowenig glaubte er an die Zeit «während welcher der gesamten Menschheit ein Leben in Frieden und Sicherheit garantiert sein wird», wie sie der Schwedische Ministerpräsident Hansson am Radio heraufbeschworen hatte. Und unsere Landesväter hatten recht mit ihren Zweifeln. Das dumme Volk hatte sich zu früh gefreut. Der Krieg war noch nicht zu Ende.
Im Pazifik kämpften noch immer die Japaner gegen die Amerikaner, bis im August zwei Atombomben fielen. Die Chinesen kämpften gegen sich selbst bis 1949 und später immer mal wieder. In Korea, Jugoslawien und Israel wurden die Grundlagen für neue, jahrelange Kriege und somit Testgelände für neue Waffentechnologien gelegt, und schliesslich begann überall auf der Welt eine Zeit der oft blutige Entkolonialisierung. Für die Politiker war die Feier zum Ende des Weltkrieges nur eine Feier über die Verschiebung des Krieges in Gebiete, die nicht im engeren Sinn zur Welt gehören. Damals wie heute hielten sich die westlichen Staaten für die Welt, mindestens für das Zentrum der Welt, nachdem sie nach Keppler die Vorstellung hatten aufgeben müssen, das Zentrum des Weltalls zu sein. Und nachdem der grosse Krieg nur noch in Asien und Afrika weiterging, war der Weltkrieg für die Grossmächte offiziell zu Ende. Kalter Krieg nannte man das Verfahren, die kleinen Schlachtereien, auf die man nicht verzichten wollte, in Korea, Vietnam oder Kuba durchzuführen. Das war viel billiger und man hatte erst noch weniger Verluste bei der Zivilbevölkerung — mindestens bei der eigenen.
Nachdem die Völker der Erde nicht mehr so recht an die Kommunisten- beziehungsweise Kapitalistenschweine glaubten, hiess es dann irgendwann, selbst der kalte Krieg sei nun zu Ende, die Zeit einer neuen Weltordnung, des universellen Friedens sei endgültig angebrochen. Aber auch das war wieder gelogen. Zwar schickte man Truppen nur noch im äussersten Notfall in die dritte Welt, nur wenn es wie im Golfkrieg Erdöl zu sichern galt oder wie durch Invasionen auf Grenada oder den Falkland-Inseln Wahlpropaganda zu machen war. Aber gestorben wurde in Asien und Afrika noch immer, sei es in geschickt angezettelten Bürgerkriegen, die selbstverständlich vom Westen mit Waffen und Friedensermahnungen gründlich versorgt wurden, sei es als Spätfolge missglückter Ordnungsmassnahmen, mit denen die alte Welt schon seit mindestens fünfhundert Jahren die Restwelt beglückt und ausgebeutet hatte.
Überall ist auch heute noch Krieg, nur nicht im reichen Westen. Hier wird von besorgten Friedensinstituten die Zahl der Krisenherde gezählt, werden von einigen engagierten Studenten schlechtbesuchte Informationsveranstaltungen organisiert und von einigen Flüchtlingen, die es irgendwie geschafft haben, unsere Regierung davon zu überzeugen, dass ihnen nicht nur zumutbare Folter, sondern wirklich der Tod droht, unangenehm ernstzunehmende Kundgebungen veranstaltet. Dass der Westen keine rechte Freude mehr hat an Bürgerkriegen, hängt ganz direkt mit diesen Flüchtlingen zusammen, denen, um sie vor dem Tod zu retten, unsere mühsam zusammengesparten Sozialfranken in den Rachen gestopft werden müssen. Noch hat der Westen sich nicht dazu durchringen können, den Militärdiktatoren dieser Welt die definitive Waffe zu verkaufen, die auch die letzten Flüchtlinge stoppen könnte, die gewährleisten könnte, dass unsere Länder ihre Geschichte, die nur noch aus Jubiläen und Konferenzen besteht, in Ruhe und Wohlstand weiterschreiben können.
Krieg ist out, das haben wir inzwischen fast alle eingesehen. Es gibt viel subtilere Mittel, ein Volk auszusaugen. Was sollen wir Indien oder China erobern, wenn die Inder und Chinesen sich uns von alleine unterwerfen? Was wollen wir die braune und die gelbe Gefahr bekämpfen, wenn sie für unsere Wirtschaft zu einem wichtigen Produktionsfaktor werden können? Sterben müssen sie sowieso irgendwann, die Chinesen und die Inder, dass sie es statt durch unsere Waffen für unsere Wirtschaft tun, macht sie zu Helden der Marktwirtschaft. So kommt es, dass wir statt Tamilen durch Tretminen zerfetzen zu lassen, viel lieber schwarze Südafrikaner in Diamantminen nach wertvollen Steinen für die fetten Hälse und Hände unserer Wohlstandshuren graben lassen, dass die Opfer unserer chemischen Waffen heute viel häufiger als in Kurdistan in Bhoppal zu finden sind und in den Treibhäusern Südamerikas, wo Schnittblumen für unsere Muttertage gezogen werden.
Unsere Wirtschaft mordet in südafrikanischen Minen und indischen Gerbereien, misshandelt in chinesischen Fabriken und kolumbianischen Treibhäusern. Die Blindheit der Konsumenten ist ihr durch deren Mittäterschaft sicher. Und selbst das Treibhaus, zu dem wir die Welt mit unseren Schadstoffen bald einmal gemacht haben, wird zuerst für die kleinen Inselstaaten im Pazifik zum Verhängnis werden, deren Flüchtlinge wir in zwanzig oder dreissig Jahren zurückweisen werden, weil Ertrinken ein schöner Tod ist, und weil der tiefste Punkt der Schweiz beispielsweise immer noch fast zweihundert Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Wir sind Ausbeuter und wir wissen es. Und vielleicht geht es uns deshalb so schlecht in unserem Wohlstand, weil wir insgeheim wissen, dass es nicht recht ist, sich mehr um die Reinheit seiner Klosetts zu kümmern als um jene der Weltmeere, weil wir uns dafür schämen, dass die Verletzungen unserer Nati-Fussballer uns mehr berühren als die Verletzungen der Menschenrechte, dass eine Erhöhung des Benzinpreises uns mehr schmerzt, als der stetig steigende Preis der Freiheit. Irgendwann werden wir es wohl begreifen, wie schrecklich wir uns geirrt haben, wie sehr wir belogen wurden und uns selbst belogen haben. Dann werden wir eine Träne vergiessen, wie Robert McNamara, Kriegsminister der Präsidenten Kennedy und Johnson, der heute zugibt, dass der Vietnamkrieg vor allem aus Ignoranz geführt wurde und um vor den politischen Gegnern nicht schwächlich zu erscheinen. Aber die Tränen McNavaras können sowenig die zigtausend getöteten Vietnamesen und Amerikaner wiederbeleben, wie unsere Tränen einen verschütteten Minenarbeiter oder einen vergifteten Blumenpflücker, ein totes Meer oder einen gestorbenen Wald werden wiederbleben können.

 

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