Kritiken

 

Literaturclub vom 6.10.1998

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Neue Zürcher Zeitung, 08.10.1998

Rieselnde Wirklichkeiten

«Agnes»: Peter Stamms beeindruckendes Erzähldébut

Der 35jährige Winterthurer Peter Stamm, bisher hervorgetreten als Autor luzider «Nebelspalter»-Satiren, legt mit «Agnes» seinen ersten Roman vor. Von Satire kann bei diesem Text nicht die Rede sein, und doch: deren Unerbittlichkeit ist auch hier zu spüren. «Agnes» ist, gleich sei’s gesagt, ein kluges, in jeder Hinsicht überzeugendes Buch über ein grosses, anstössiges Thema – den Skandal des Todes in einer restlos auf- und abgeklärten Welt. Brüskierend führt der Beginn in medias res: «Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.» Stamms Text verströmt von Anfang an eine unterkühlte Trauer, auch den Ton einer Beichte glaubt man zu vernehmen. Mit gutem Grund, denn es könnte auch heissen: «Meine Geschichte hat sie getötet.» Doch der Reihe nach: Im Lesesaal der Public Library des winterlichen Chicago trifft ein Schweizer Sachbuchautor, der über US-Luxus-Eisenbahnwagen recherchiert, auf eine weit jüngere Physikerin. Schnell kommen sie einander näher, auch auf Grund seines Eifers, ihr elfenhaftes, in sich gekehrtes Wesen zu entschlüsseln. Zunächst wie zufällig, dann aber in immer strengerem Takt tritt das Generalthema Tod auf. So etwa, wenn eine junge Frau leblos auf dem Gehsteig liegt, wenn Agnes, gebannt vom tödlichen Unfall, einer Kindheitsfreundin berichtet oder wenn ihre Sorge fast aufsässig um die Zeugenschaft, die «Spuren» kreist, die einer nach seinem Ableben hinterlässt (oder eben nicht). Bei diesen Miniaturen ist kein Wort zuviel, sie folgen dem zurückgenommenen, sachlich-kargen Erzählton und bleiben als vibrierende Rätsel stehen. Stamm beherrscht seine Mittel und weiss sie entschieden und verbindlich einzusetzen.

 

Wo Leben ist, muss Tod sein

Agnes’ obsessives Bescheidwissenwollen über die Ränder des Lebens läuft der Profession dieser wie durchsichtigen, mignonartigen Gestalt nicht wirklich zuwider. Agnes betreibt Grundlagenforschung über atomare Kristallgitter. Unerbittliches Aufdecken, bis es nichts mehr aufzudecken gibt – das regt zu entsprechendem Denken auch über die Existenz an: «Ganz tief in fast allem ist Symmetrie.» Wo Leben ist, muss Tod sein, die Drift zur andern Dimension erscheint zwingend. Was aber ist Tod? Agnes nimmt das Leben so ernst, dass sie seiner Rückseite auf den Grund gehen muss. Das ist riskant, und ein böses Ende nicht auszuschliessen. Agnes’ gesellige Seite erschöpft sich in wenigen Freunden, mit denen sie musiziert. Der Familie hat sie sich wie im Affekt entledigt: «Ich bin kein sehr sozialer Mensch.» Auch die Liebe verkommt ihr zur Simulation, zum kaum erträglichen Spiel und Schein; sie ist ihr unheimlich. Der Erzähler, nie beim Namen genannt, vermag ihre Zweifel nicht zu zerstreuen. Als Agnes ein Kind von ihm erwartet und er sich nicht dafür erwärmen kann, zeichnet sich ein erster Riss ab. Hinzu kommt, dass Louise, eine neue Bekanntschaft des Erzählers, die in ihrer Hemdsärmligkeit Agnes erfrischend konterkariert, seinen Hang zur Symbiose aufweicht. Das Scheitern der Schwangerschaft bringt Agnes vollends aus dem Lot. Ein vom Liebhaber wie im Spass begonnenes Beziehungstagebuch gewinnt mit der Verschüttung an Gewicht und Dynamik. Sie hatte ihn gedrängt, seine einst auf Eis gelegte Schriftstellerei wieder aufzunehmen und eine «Liebesgeschichte mit dir und mir» zu schreiben; aber, dies die Bedingung: «Es muss schon stimmen.» Er sträubt sich, über «lebende Personen» zu schreiben, weil er «keine Kontrolle darüber» habe, welchen Volten seiner Phantasie diese dann unterworfen seien – eine Aussage, die wie eine Vorahnung anmutet. Denn in der Trauer um das ungeborene Kind zieht Agnes sich aus der Beziehung, aus ihrem Leben, zurück: «Du musst es aufschreiben, (…) du musst uns das Kind machen. Ich habe es nicht geschafft.» Die «lebendige» Geschichte soll der Ersatz sein für das Vitale, das ihr abhanden kam. Ausgestattet mit diesem Auftrag, wird der Berichterstatter zum Erfinder, der Rapport zum Roman: «Jetzt war Agnes mein Geschöpf.»

 

Raffinierter Abgleich

Ein raffiniert gemachter Abgleich zwischen Erdachtem und Geschehen setzt nun ein – was nicht gelebt werden kann, soll wenigstens in der Schrift Gestalt annehmen: «Ich habe die Gegenwart überholt (…), ich weiss schon, was geschehen wird.» Die Schlüsselfragen der Beziehung lassen sich nur noch über den Umweg der Geschichte einbringen. Beide Betroffenen, auch der Spiritus rector, regredieren zu blossen Zaungästen des Geschehens: «Wir sassen nebeneinander auf dem Sofa, las ich und wartete einen Moment. Aber Agnes rührte sich nicht, und ich fuhr fort: (…) als ich sprechen wollte, hatte ich alles vergessen. Also sagte ich nur: ‹Willst du zu mir ziehen?› Ich hielt inne, wartete und schaute Agnes an. Sie sagte nichts. ‹Und?› fragte ich. ‹Was sagt sie?› fragt sie. Ich las weiter.» Dort, wo die Phantasie das Zepter übernimmt, hat die Erzählung ihre faszinierendsten Passagen. Mit der unheimlichen Verwandlung des Realen ins Mediale spricht Peter Stamm mit leichter Hand, aber präzise an, was die Gegenwartsliteratur zu einem grossen Teil umtreibt, aber von ihr nur selten so elegant vermittelt wird: In unserer Welt der rieselnden und rutschenden Wirklichkeiten lässt sich immer müheloser auf Echtheitszertifikate für Erfahrungen verzichten. «Das Buch Agnes» delegiert die Lebensführung an den Text, macht Biographie zum Spiel. An der Schnittstelle zwischen Existenz und Fiktion zieht der Regisseur seine Fäden, in – nebenbei gesagt – recht selbstherrlicher, ja machohafter Attitüde. Man könnte daraus eine hurtige Kritik ableiten. Doch lohnt es sich, darüber hinaus zu denken. Der Roman als Auffangbecken, als Drehbuch eines anders nicht mehr lebbaren Lebens: Stamms Kunst besteht darin, diesen schwierigen Sachverhalt mit seiner Geschichte plastisch und begreifbar zu machen. Zwar bemüht sich der Ich-Erzähler redlich um die rosige Wendung des Textes. In der Weichzeichner-Version der auf einen «guten Schluss» hin gedrechselten Geschichte gibt es eine Heirat, das Kind darf leben, ein zweites Kind gar. Doch der heimlich auf der Festplatte abgespeicherte «Schluss 2», das wie in Trance entstandene und «einzig mögliche», weil «wahre» Ende verschafft sich Gehör, gegen alle Widerstände. Für Agnes heisst das, dass auch ihr heimliches Begehren durch den Text gerechtfertigt erscheint: Der Ballast des Selbst-Leben-Müssens fällt von ihr ab, ihre «Spur» ist gesichert. Der Erzähler verdichtet die empfangenen Signale und entwirft – zum eigenen Erschrecken – Agnes’ bevorstehenden Tod. Nun obliegt es ihr, dem Sog nachzugeben. Sie reisst aus in den Nationalpark, der ihr einst so imponiert hatte, weil man die Natur das ehemals bewohnte Gelände zurückerobern liess. So wohl wie nie hatte Agnes sich dort gefühlt, «nackt und ganz nah an allem», Teil eines grossen Zusammenhangs. Mit ihrem Rückzug in den Schnee, jenem Traum, den auch Robert Walser oft geträumt hat, spielt sie die ihr zugedachte Rolle zu Ende. Aus Text wird Realität, und was bleibt und zeugt, ist wohl oder übel ein beschriebenes Blatt oder eher: ein Datenfile. Und der Leser? Auch er ein Zeuge: nicht nur eines faszinierenden literarischen Ernstfalles, sondern zugleich eines fulminanten Schweizer Débuts.

 

 

Der Spiegel, 19.10.98

Nahaufnahme

In der Public Library von Chicago begegnen sich der Schweizer Journalist und die amerikanische Physikstudentin Agnes zum erstenmal. Sie beginnen sich regelmäßig zu treffen. Eines Tages bittet Agnes ihn, eine Geschichte über sie zu schreiben. Der Ich-Erzähler gibt Szenerie und Text vor, Agnes und er spielen die Szenen nach, beide «keine guten Schauspieler», wie er bald feststellt. Bei einem Ausflug an einen See betrachtet er das Gesicht der schlafenden Agnes und entdeckt mit Erschrecken ihm völlig fremde Züge. Obwohl er Agnes nicht berührt, empfindet er plötzlich ein Gefühl von extremer Nähe zu ihr. Agnes zieht zu ihm in seine Wohnung, sie ist zufrieden mit dem kleinen Glück des gemeinsamen Alltags, aber «Glück macht keine guten Geschichten», findet er. Er schreibt seine Geschichte fort, schreibt wie besessen, Alltag und Fiktion beginnen immer stärker auseinanderzuklaffen, die Story gewinnt magisches Eigenleben. Am Ende ist die Fiktion der Gewinner – und der Tod.

Der Schweizer Hörspielautor Peter Stamm, 35, erzählt in seinem Prosadebüt eine realistische, zugleich phantastische Geschichte. Die knappen Dialoge sind dem Alltag abgelauscht. Mit einer Sprache, die in ihrer Kühle fast an den Bericht eines Wissenschaftlers erinnert, der unter dem Vergrößerungsglas ein Insekt betrachtet, gelingen dem Autor Bilder von überraschender Dichte und Kraft. Zum Schluß legt der Wissenschaftler mit leisem Bedauern das Vergrößerungsglas beiseite. Das Insekt ist gestorben.

 

 

Tages-Anzeiger, 26.10.1998

Es zerstört die Phantasie die Liebe

Der in Winterthur lebende Peter Stamm wird als die Entdeckung des Schweizer Bücherherbstes gefeiert. Seine Geschichte zweier Liebenden, die sich finden und verlieren, überzeugt, je länger man voranliest.

Von Pia Reinacher

 

Nett, aber harmlos, denkt man auf den ersten paar Seiten. Eine gepflegte Liebesgeschichte, wie sie der Markt immer von neuem produziert. Ein Mann trifft in der Public Library in Chicago auf eine Frau, die seine Tochter sein könnte. Keine Liebe auf den ersten Blick. Und doch bleibt der Mann hängen, vom ersten Augenblick an. Die seltsam ernsthafte Frau, die ihm gegenübersitzt im Lesesaal, irritiert ihn auf fremde Weise. Der Mann ist kein Romantiker, sein Verstand arbeitet kalt, seine Strategien fürs Leben sind fixiert. Ein Sachbuchautor, der ein Buch über amerikanische Luxuseisenbahnwagen schreibt und sich eben durch einen Bericht zum Armee-Einsatz während des Pullman-Streiks gequält hat.

 

Unfähig und einsam

Aber da ist die Frau, und sie lässt ihn nicht mehr los. Der Autor ist allein in der Stadt, hat ein paar gescheiterte Beziehungen hinter sich und im Moment sich abgefunden mit der Einsamkeit. Nicht, dass die Frau das pure Gegenteil verkörperte. Sie sei kein sozialer Mensch, sagt sie ihm als erstes, als die beiden ins Gespräch kommen. Sie habe kaum Freunde, kenne nur ein paar Streicherinnen, mit denen sie jede Woche im Quartett spiele. Agnes ist Physikerin und arbeitet an einer Dissertation über die Symmetrien der Symmetriegruppen von Kristallgittern.

Das ist die Ausgangslage von «Agnes», einem Roman über die Liebe, die Unfähigkeit und die Einsamkeit. Peter Stamm erzählt bedächtig voran. Das Handwerk musste der 1963 geborene und in Winterthur lebende Journalist nicht mehr lernen. Die verbale Experimentierphase hat er, das spürt man mit jeder Zeile, bereits hinter sich. Seit 1990 arbeitete er als Autor und Journalist für die «Weltwoche», die NZZ und den «Tages-Anzeiger». Seit einem Jahr ist er Redaktor der Literaturzeitschrift «Entwürfe».

 

Geheime Türen

Von Anfang an spürt man ein sensibilisiertes Bewusstsein im Umgang mit Sprache, spürt den Regisseur, der die Fäden führt, der ausspart und konzentriert, wo es nötig ist, und geschickt den Rhythmus verzögert und beschleunigt, wo die Spannung gesteigert oder gedrosselt werden soll. Nicht, dass Peter Stamm zu den Autoren gehören würde, die phantasievoll daherschwadronieren, wild mit Sprache experimentieren, lustvoll Luftsprünge und Purzelbäume schlagen und den Leser durch aussergewöhnliche Erfindungskraft bannen. Seine Sprache ist eher schlicht, gradlinig und solid.

Das wirkliche Talent dieses Debütanten verrät sich anderswo: in der strengen Tektonik seines Romans. Da spielt er seine erzählerischen Kunstgriffe aus, die er souverän beherrscht, führt virtuos vor, was so viele andere Autoren vermissen lassen: den durchdachten Aufbau eines Romankörpers. Den Willen zur Form. Das ist es, was einen an diesem Roman hängen lässt, noch lange, nachdem man ihn fertig gelesen hat. Peter Stamm baut doppelte Böden ein, öffnet, wo man es am wenigsten erwartet, geheime Tapetentüren, die von einem Erzählraum in den anderen führen, enthüllt vor den Augen des Lesers plötzlich versteckte Verliesse und verborgene Kellerräume. Das macht die Anziehungskraft dieser durchschnittlichen Liebesgeschichte aus. Wie geht das vor sich? Mit seltsamen Anspielungen, die plötzlich irritieren und den Leser an der schönen, geglätteten Oberfläche zweifeln lassen. Dass die Story nicht harmlos ablaufen würde, ahnt man zwar schon vom ersten Satz an: «Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte.» Der Ich-Erzähler rollt die Ereignisse im Rückblick auf, und der erste Satz zerstört alle Illusionen. Die Frau ist tot. Aber ist sie wirklich tot? Oder hat sie den Mann einfach verlassen? Der Autor lässt es lange in der Schwebe.

Alles ist möglich, vom ersten Treffen an. Nach ein paar Wochen verabreden sie sich zum Essen. Wie der Ich-Erzähler sich dem Restaurant nähert, sieht er eine zusammengebrochene Frau am Boden liegen. Ein Ereignis, wie es das Leben mit sich bringen kann. Und doch ein seltsames Zusammentreffen. Ein erstes Wetterleuchten? Ein paar Wochen später erzählt Agnes dem Mann nebenbei, dass sie als Kind erlebt habe, wie ein Mädchen in einem Pfadfinderlager plötzlich gestorben sei, nach einem Sturz von der Seilbrücke. Ein Nachbarskind. Ihr Vater habe es geliebt wie die eigene Tochter. Und bevor die Frau zum ersten Mal mit dem Geliebten schläft, redet sie plötzlich von ihrer Angst vor dem Tod. Als der Autor sie schliesslich in ihrer Wohnung besucht, findet er Bilder an den Wänden, Gebirgslandschaften, und dann ein seltsames Theaterplakat mit einem abstossenden Satz: «Mörder, Hoffnung der Frauen».

 

Drohendes Verhängnis

All das sind Signale eines drohenden Verhängnisses, die sich immer deutlicher als magische Zeichen an der Wand ablesen lassen. Nur, es müsste gar nicht sein. Es hiesse, diesen Autor zu unterschätzen, würde man annehmen, es liefe alles von Anfang an auf den toten Punkt zu. Peter Stamm hält alle Möglichkeiten offen. Denn auch die wirkliche Liebe ist als geheime Fährte in dieser Beziehung angelegt, man müsste den Weg nur beschreiten. Auch sie bricht zuerst als Projektion in die festgefügte Welt des Mannes ein, wird von ihm nur traumhaft wahrgenommen, beinahe verdrängt. Als der Ich-Erzähler für fünf Tage nach New York fährt, begegnet er nämlich einer Frau, die ihm ihre Geschichte erzählt: dass sie zu ihrem Liebsten fahre, den sie noch nie gesehen habe, mit dem sie aber seit Monaten korrespondiere. Alles setzt sie auf diese Liebe zu dem Unbekannten, ihre ganze Lebenskraft, das ganze Glücksverlangen bündelt sie auf das eine Ziel.

 

Der Kunstgriff

Diese Liebesgeschichte geht schlecht aus. Die 25jährige Frau wird schon bald schwanger, der Mann, der ihr Vater sein könnte, will das Kind nicht. Er lässt sie ins Leere laufen, betrügt sie, weil sich die Gelegenheit gerade bietet, mit einer ehemaligen Freundin, entpuppt sich schliesslich als liebes- und bindungsunfähig. Und wieder greift Peter Stamm zu einem Kunstgriff, den man aus der literarischen Tradition bestens kennt. War es nicht E. T. A. Hoffmann, der Frauenpuppen bastelte, die plötzlich zum Leben erwachten? War es nicht Gottfried Keller, der mit Viggi Störteler eine gewaltig böse Satire auf den liebesunfähigen Mann entwarf, der – anstatt zu lieben – seine Frau zum Niederschreiben der Liebe in Form von Briefen zwang? Hatte die explosive Mischung aus Leben und Kunst nicht schon so prominente Autoren wie Max Frisch oder Uwe Johnson an den Abgrund geführt?

Auch der Sachbuchautor und die Physikerin wollen schreiben und nicht lieben. Auf dem Computer nämlich notieren sie in Fortsetzungen die Geschichte ihrer Beziehung, manipulieren, verfälschen und verbiegen sie so lange, bis die Phantasie das Leben und die Liebe einholt und zerstört. Ein grotesker, ein grossartiger Einfall dieses Autors und ein literarisches Debüt, das alle Möglichkeiten für die Zukunft in sich birgt.

 

 

Süddeutsche Zeitung, 6.3.1999

In der Regel nicht regelmäßig

«Agnes» – der Erstlingsroman des Schweizers Peter Stamm

«Ihr Äußeres war nicht auffallend… Nur ihr Blick war außergewöhnlich, als könne sie mit den Augen Worte übermitteln.»

So hat es angefangen, vor neun Monaten, im April, als der namenlose Ich-Erzähler, ein Schweizer, der ein Sachbuch über Pullmans Luxuseisenbahnwaggons vorbereitet, im Lesesaal der Public Library von Chicago das junge Mädchen musterte, das vis-à-vis Platz genommen hatte. Die beiden kamen ins Gespräch, kamen sich bald näher, so nahe, daß diese seltsame Amerikanerin mit dem landesunüblichen Namen Agnes im Juli zum Anonymus ins 27. Stockwerk eines Wohnturms zog; im Oktober, als sich ein Kind ankündigte, das er nicht wollte, packte sie ihre Sachen. Im November holte er sie zurück, um erst danach zu erfahren, daß sie das Kind verloren hatte. Und jetzt, in der Nacht zum 1. Januar hat sie ihn – hat er sie – endgültig verlassen…

«Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet», klagt der Hinterbliebene, dem nichts bleibt als «Agnes»: eben diese tödliche, von ihm im Sommer, auf Betreiben der Titelgeberin, spielerisch begonnene, zunächst gemeinsam schon Erlebtes rekapitulierende, dann die gemeinsame Zukunft programmierende und schließlich deren Ende erzwingende Geschichte – das erste Stück Literatur, das er nach frühen erzählerischen Versuchen zustande gebracht hat.

Die allmähliche Verfertigung dieser Geschichte, ihre Rück- und Vorauswirkung auf das nur anfangs glückhafte Liebesverhältnis gehört zur «Handlung» des ersten (unlängst mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichneten) Romans von Peter Stamm. Der 1963 geborene Schweizer, Verfasser mehrerer Hörspiele und eines Theaterstücks, versteht sich aufs Pointieren. In 36 kurzen, meist mit Wortwechseln (nicht Gesprächen) durchsetzten Kapiteln läßt der von ihm eingesetze Protagonist und Ich-Erzähler am traurigen Neujahrstag seine Zeit mit Agnes Revue passieren. Diese Rückschau ist der Roman, und auch der trägt den Titel «Agnes».

Das schmale Buch hat es in sich. Dabei ist es ganz leicht zu lesen – wenn man sich einladen läßt, dem fiktiven Berichterstatter gläubig zu folgen. In knapp und klar formulierten Aussagesätzen suggeriert er die Authentizität seiner Begegnung mit und Beziehung zu der schwierigen, Halt und Ruhe, wenn nicht den Tod suchenden, sich aber vor dem Vergessenwerden ängstigenden Agnes.

Die eigentliche Spannung und die Struktur des Romans aber ergeben sich aus der Balance, die der Autor Peter Stamm zwischen der fiktiven Erlebniserzählung und dem anhand des Sujets entwickelten literarischen Laborversuch zur Wechsel- und Spiegelwirkung zwischen Literatur und Leben hergestellt hat. Unaufdringlich werden dem Gourmet vielerlei Anspielungen, Querverweise, Parallelitäten, Analogien zur Entdeckung und Entschlüsselung angeboten…

So hat es für die Studie in Paarbildung, die «Agnes» ja auch ist, durchaus Bedeutung, daß Agnes Physik studiert und ausgerechnet an einer Dissertion über die «Symmetrien der Symmetriegruppen von Kristallgittern» arbeitet – ein kryptisches Sujet für den lesenden Laien, doch wird im Verlauf des Buches hinreichend deutlich Vergleichbarkeit von Paar- und Kristallbildung signalisiert. Den «asymmetrischen» Partnerfiguren des Romans – asymmetrisch durch Geschlecht, Alter, Herkunft, Interessen, Temperament – wäre demnach aufgegeben, ihre Ergänzung zum idealen Paar zu erstreben, so wie der Kristallisationsprozeß chemischer Verbindungen im Idealfall ein makellos-symmetrisch strukturiertes Kristall erbringt. Doch «in der Regel» bilden sich natürliche Kristalle wegen fast immer auftretender Störungen nicht vollkommen regelmäßig aus.

Noch ein Tip zum Lesetip? Lesen Sie doch mal das Kapitel «Agnes» aus der «Legenda aurea» des Jacobus de Voragine.

WOLFGANG WERTH

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.4.99

Eiswinde in Chicago

An der Literatur erfroren: Peter Stamms gelungener Debüt-Roman

Es ist ein naiver Glaube, daß in Amerika alle Geschichten gut ausgehen. Das muß auch der Ich‑Erzähler dieses schmalen Romans erfahren. Und dabei fängt alles vielversprechend an: Seine Recherchen über Luxuseisenbahnwagen haben den Schweizer Sachbuchautor nach Chicago geführt, wo er Tag für Tag im viel zu warmen Lesesaal der Public Library sitzt. Aber die Eisenbahnen verlieren ihren Reiz, sobald er Agnes kennenlernt. Die fünfundzwanzigjährige Physikstudentin schwärmt für Kristalle und könnte fast seine Tochter sein. Rasch kommt man sich näher, das gemeinsame Glück scheint vollkommen. Selbst in der Großstadt ist noch Raum für romantische Zweisamkeiten zu entdecken.

Soweit ist es eine alltägliche Geschichte. Doch Peter Stamm begnügt sich nicht damit, Bekanntes neu zu erzählen; sein Roman ist auch eine verstörende Parabel über die Macht der Literatur. Denn eines Tages besinnt sich Agnes auf den Beruf ihres Geliebten: «Schreib eine Geschichte über mich» bittet sie ihn, «damit ich weiß, was Du von mir hältst.» Der Vorschlag setzt ein tödliches Spiel in Gang. Zögernd schreibt der Autor die Chronik ihrer Begegnung nieder, und Agnes liest zufrieden die immer länger werdende Erzählung, in deren Hauptfigur sie sich wiedererkennt. Bis der Bericht eines Tages die Gegenwart eingeholt hat: Wie soll es weitergehen mit der literarischen Agnes und ihrem ebenfalls literarischen Schweizer Gefährten? Zunächst bleibt die Erfindung der Wirklichkeit nur um wenige Sätze voraus – ein prickelnder Reiz, der dem flüchtigen Moment Bedeutung verleiht. «Ist es gut so? Bist du zufrieden mit mir?», fragt Agnes besorgt ihren Freund, weil sie dem von ihm beschriebenen Arrangement eines gemeinsamen Abends entsprechen möchte.

Allmählich entwickeln sich Literatur und Leben auseinander. Immer stärker erliegt der Schriftsteller dem Sog der Wort und genießt die Macht über seine Erfindungen; Agnes ist ganz und gar sein Geschöpf geworden. Zur Katastrophe kommt es, als die junge Frau schwanger wird – im realen Leben, nicht in der Literatur. Der Erzähler reagiert darauf mit demselben Entsetzen, als hätte ihm ein Lektor sein gelungenes Manuskript zusammengestrichen hätte; denn für seine Agnes ist eine Schwangerschaft nicht vorgesehen. Überstürzt flüchtet der werdende Vater zu einer anderen Frau und leugnet beharrlich seine Verantwortung für Mutter und Kind.

Eine Fehlgeburt bringt das Paar nur scheinbar wieder zusammen. Noch immer von der Kraft seiner Imagination überzeugt, bietet der Erzähler Agnes literarischen Trost an, indem er die Geschichte ihres nie geborenen Kindes aufzuschreiben beginnt. Doch Literatur kann die Wunden der Realität nicht heilen. Am Ende ist Agnes verschwunden; für den Schriftsteller steht fest, daß sie den Tod gesucht hat wie er es für den Schluß ihrer Geschichte entworfen hatte.

Peter Stamm traut dem geschriebenen Wort viel zu, und er hat allen Anlaß dazu Bislang hat der fünfunddreißigjährige Schweizer vorallem Hörspiele, verfaßt; «Agnes» ist sein erster Roman. Dieser Wechsel ins erzählende Genre ist dem Verfasser auf beeindruckende Weise geglückt. Ein dichtes Netz von Verweisen durchzieht die fein aufeinander abgestimmten Kapitel des Buches, immer wieder findet Stamm suggestive Bilder für die Kälte und die Beziehungslosigkeit, in denen er seine Figuren gefangen sieht. «Das Geheimnisvolle ist die Leere in der Mitte», beschreibt die Physikstudentin Agnes ihre geliebten Kristallgitter und charakterisiert damit zugleich ihr eigenes Leben, in dem sich Liebe nur als literarische Illusion ereignet.

Das unwirtliche Chicago ist ein angemessener Schauplatz für diese komplizierte Liebesgeschichte. Mit sicherem Blick skizziert Stamm den tristen amerikanischen Alltag zwischen Coffeeshop und Waschsalon zu dessen Höhepunkten die schrille Halloween‑Parade gehört. So wird die Begegnung zwischen Agnes und ihrem Schweizer Eisenbahnforscher auch zur Konfrontation von Alter und Neuer Welt. Es gehört zu den Vorzügen des Romans, daß Stamm weder für die eine noch die andere Seite, Partei ergreift; vielmehr schildert er amerikanische Selbstbezogenheit ebenso wie europäische Vorurteile über das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Denn wie gesagt, auch in Amerika ist ein Happy-End keine Selbstverständlichkeit.

Sabine Doering

 

 

The Times, 6.4.2000

Hearts frozen in snow

by James Eve

The snow that falls at the beginning and the end of Peter Stamm’s first novel is an appropriate symbol for the love affair of its unnamed narrator and his lover, Agnes, in present-day Chicago. Snow, that secretive element, hides flaws and buries the past. It makes surfaces appear smooth, when underneath they are rough and fissured. Snow covers over tracks.

The bare bones of the story are these: the lovers meet in Chicago public library, where the narrator is researching a book on luxury trains. They quickly fall in love and move in together. After a brief, idyllic period, during which the narrator abandons his research to write an on-going «fictionalised» account of their relationship, Agnes becomes pregnant. The narrator is shocked and bluntly tells her he doesn’t want the child, so she leaves him. Soon afterwards she suffers a miscarriage and returns to him. Their relationship stumbles uneasily on until finally, as snow falls on New Year’s Eve, Agnes disappears.

On the surface, it seems like simplicity itself. Apart from Agnes and the narrator, there is only one other character who has any bearing on the plot – Louise, with whom the narrator has a brief affair while split up from Agnes.

Stamm’s narrator rarely indulges in lengthy descriptions of place or appearance, and relates events mostly through dialogue. There are terse, brittle conversations; arguments are recalled with coldness; moments of tension are barely allowed to register in the narrator's contained, carefully-worked version of events. The real story, which lies in the silences between the lines, is like the innermost of a set of Chinese boxes that opens to reveal nervous breakdown and disturbed pasts.

Gradually, as their relationship breaks down, both Agnes and the narrator lose hold of reality. The narrator’s fictionalised version of their affair, which was started as a piece of fun, becomes increasingly idealised. Instead of rejecting his unborn child, the narrator imagines himself gladly accepting it. Unable to cope with the loss of her child, Agnes encourages him to write more and more and to envisage a perfect ending, even while he is unfaithful to her. By the time she vanishes on New Year’s Eve, having read the final installment of his fiction, Agnes has become less real than her fictional counterpart. Her disappearance seems like a natural development – the novel has become a ghost story with living, breathing ghosts.

This is a fine first novel, elegantly translated by Michael Hofmann, whose power lies in calculated understatement. The narrator’s voice is so equable that big shocks are only felt as sudden swells in his prose, briefly disrupting its smooth surface before settling back into an icy calm. Stamm’s refusal to explain certain scenes – a dead girl on the pavement or Agnes’s collapse during a weekend away in the woods – is not artless. These are mysteries, not muddles and add to the novel‘s overpowering sense of unease.

 

 

Les Inrockuptibles, 6.6.2000

Agnès est une jeune femme blême, encore vierge à 25 ans, hystérique fascinée par la mort qui, d’un point de vue strictement littéraire, appartient à la longue caste des personnages de roman sacrifiés. Et ce que le personnage sacrifié nous dit concerne toujours le projet romanesque lui-même, qu’il pose sa mort comme la clôture totale et totalitaire de l’histoire, ou l’enjeu romanesque comme un suicide littéraire. Jeune femme blême effrayée par la mort au point de mettre la sienne en scène, Agnès est de ces personnages contre qui l’histoire se retourne toujours, entre une Madame Bovary suicidée par l’aveuglement de narrations grotesques, et la jeune O. de Pauline Réage, sacrifiée dans Retour à Roissy, suite dérisoire d'Histoire d’O.
Mais Agnès est moins simple: à la fois Bovary et Flaubert, à la fois O. et Réage, à la fois victime et démiurge. C’est elle qui invite son amant – le narrateur – à écrire son portrait, à rédiger leur histoire, puis en fera son destin jusqu’à la mort. Ce que Stamm, jeune auteur suisse-allemand dont c’est le premier roman, interroge ici, c’est la question des distances et de la symétrie. Distance du personnage à l’histoire, de l’auteur à l’histoire, du lecteur à l’histoire, et en extrapolant, de chacun à la narration qu’il se fait de sa propre vie. C’est dans ce respect d’une juste distance que l’auteur nous livre son roman: ni emphatique, ni didactique, Peter Stamm ne nous impose aucun verdict, ne nous submerge pas, ne nous demande rien. Son Agnès est un voile de poudre diaphane qui nous recouvre peu à peu sans jamais peser sur nos épaules. Juste une ombre qui passe dans le ciel: Agnès s’est éclipsée.

Nelly Kaprièlian

 

 

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